Der Blick in die Welt der autodidaktischen Künstler

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Werkschau Stahl & Farbe

Henning Block & Sylvia Aevermann


German release --› UK/us release.



Ein ganz gewöhnlicher Montag oder die Grenzen der Wirklichkeit - Kurzgeschichte

Es schien wieder einmal einer dieser ganz gewöhnlichen Montage zu sein. Das ohrenbetäubende Getöse meines Weckers hatte die Sanftheit eines lieblichen Traumes mit Bombengewalt hinwegkatapultiert. "Oh nein", brüllte ich laut und zerschlug mir fast die Hand beim Alarm ausstellen.
Gerade erst hatte ich meine trunkenen Augen nach "nächtlicher Nacht" geschlossen, als diese verdammte Erfindung eines Zeitgeiers mir den neuen Tag einhämmern wollte. Die Schatten der Nacht hatten sich als Gewichte an meine Augenlider gehängt und wollten mich am visieren hindern. Ich rieb meine schmerzende Hand, schlug die Decke zurück und wankte ins Bad. Die letzte Nacht war wohl etwas hart gewesen. Wo war ich noch gleich gewesen? Ach ja, bei Hassan auf der Party. Alle waren entsetzt gewesen, das es nur Saft gab, aber Hassan pries die "Besonderheit" seiner Marke Eigenbau und letztlich war es allen egal gewesen.
Die Ungewohntheit der Vitaminstöße schien alle in ekstatische Verzückung zu versetzen.
Ich drehte den Kaltwasserzulauf auf und schippte mir die kalte Woge ins Gesicht, blickte dann auf zum Spiegel.
Doch was ich dort sah, war entsetzlicher als alles Entsetzliche, was ich jemals zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Ich sah nämlich: nichts.
"Bei Gott", stieß ich hervor: "oder brat mir einer den Satan. Was ist das um Himmelswillen?" Ich tastete mit den Händen mein Gesicht ab, konnte aber eindeutig alle Konturen fühlen, überhaupt konnte ich meine Hände, meine Füße, alles von mir sehen. - Nur das Spiegelbild. Noch einmal blickte ich in den Spiegel und das Entsetzen bestätigte sich erneut.
"Scheiße", mehr war dazu nicht zu sagen.
Aufgeregt stürzte ich zum Telefon und wählte die Nummer meines Hausarztes.
"Hallo hier Praxis Doktor Schnackelschmutz", erklang die metallische Stimme der Sprechstundenhilfe.
"Ja, hier ist..."
"Hallo, hier Praxis Doktor Schnackelschmutz. Wer ist dort bitte?"
"Hier ist..."
"Hier Praxis Doktor Schnackelschmutz! Wer ist dort bitte?"
"Man, verdammt Frau, lassen sie mich ausred..."
"Praxis Doktor Schnackelschmutz, wer spricht dort? Hallo!"
Wie Jalousien rollte es sich mir vor Augen, noch einmal hub ich an zu sprechen: "Hier ist...", doch die metallische Stimme: "Hier Praxis Doktor Schnackelschmutz", fiel mir wieder ins Wort.
"Verdammt, könn`se mich nich hörn?"
"Hier Praxis..."Ich knallte den Hörer auf die Gabel und ließ mich rückwärts aufs Sofa sinken. Was tun?
Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren; irgendeine neue Droge? Die unsichtbar macht? Quatsch! Wann? Wo? Was getan? Gedanken kreisten, rotierten, schienen die Pseudoexistenz, dieses, meines Kopfes zum Platzen zu bringen. - Nur raus. Den Meine Verwirrung hatte die Grenze erreicht. Ich vermied es beim Anziehen in den Spiegel zu blicken, der grausam Schrecken in der Wohnung lassen. die Nichtexistenz meines Körpers spiegelte. Wo war nur mein Körper gelandet? Gewiss hätte ich beim Anblick im Spiegel über einen Pickel gestöhnt, oder die Augenringe bejammert. Zeugen des Lebens. Aber jetzt? Wo gar nichts mehr...., wieso nichts mehr?
Nichts kann sich nicht anziehen! Was zog ich denn an? "Also reicht Shirt, Schuhe, na ja Hose..."
Eindeutig existierten die Sachen doch....
....und blickte in den Spiegel.

Hose, Shirt und Schuhe tanzten in der Luft und ließen Formen eines Körpers erahnen. Ich lachte bei der Vorstellung so etwas auf Straßen wandeln zu sehn, doch bei der Wirklichkeit angelangt, blieb mir das Lachen im Halse stecken.
"Hmmh..., also nichts!" und zog die Sachen wieder aus. Lächerlich, allein der Gedanke, splitternackt durch die Stadt zu gehen. Durch die Stadt? Wohin?
"Hmmh", zog mir doch ein Shirt an.
"Zu Hassan?",
zog es wieder aus.
Früher oder später würde ich doch dahin gehen! Worüber hatten wir gestern geredet? Astralprojektionen, Levitation. Wanderung durch Zeit und Raum. Die Grenzen der Wirklichkeit, das ich nicht lache. Missmutig ging ich hinaus. Draußen auf der Straße fühlte ich mich seltsam befreit! Doch auch ein wenig beklemmt.
"Unsichtbar, frei...pfft!"
Langsam schlenderte ich die Straße entlang, bog rechts ab und stieß gegen einen hetzenden Passanten. Seine Tasche fiel zu Boden und die darin gewesenen Blätter stoben auseinander.
"Hmmh, Verzeihung!", sagte ich und begann damit die Blätter einzusammeln, als der Passant in unartikulierbare Schreie ausbrach und davonrannte.
Ich vergaß, daß er mich wohl weder sehen, noch hören konnte. Langsam begann ich mich einsam zu fühlen....und ging in Richtung Park zum Weiher weiter. Zum Weiher!

Ich musste lachen bei dem Gedanken: "Unsichtbare ertränkt sich." Trotzdem zum Weiher. Schnurstracks zum Nudistenstrand.
Robert und Joyce waren dort.
"High", entgegnete ich. Doch auch hier das selbe Spiel. Sie konnten mich weder hören noch sehen! Noch missmutiger, als eh schon, nahm ich mir eines der Hemden, die am Ufer lagen, streifte es mir über und setzte mich auf die Decke.
Ich entdeckte gerade einen Zettel und einen Stift, als Robert vom Weiherrand brüllte: "Ey Joyce, hast du`n Blasebalg in deinem T-shirt versteckt?" und er und Joyce gleichsam erstaunt näher kamen.

ICH HABE EIN PROBLEM
schrieb ich gerade auf den Zettel, als Joyce ohnmächtig wurde und Robert kreischend davonstob.
ODER AUCH NICHT !!!

Ich ließ es mit dem T-shirt sein und kehrte schnurstracks nach Hause zurück. Wollte nur nachdenken, nachdenken. Es klingelte.
"Vielleicht alles nur Halluzination", sagte ich laut und öffnete die Tür. Vor der Tür stand jemand, der fast wie Hassan aussah, das Gesicht mit weißer Schminke überzogen, Handschuhe, Hut und Sonnenbrille.
"Hassan?", fragte ich und die Person nickte.
"Aivlys?"
"Ja."
"Du kannst mich hören?", fragte Hassan.
"Und du kannst mich sehen?"
"Ja!"
Glücklich stürzten wir uns in die Arme.
"Wie hast du es gemerkt?", fragte Hassan.
"Was? Die Unsichtbarkeit und Unhörbarkeit?" Hassan nickte.
"In den Spiegel geschaut und versucht mit Schnackelschmutz zu telefonieren und Robert und Joyce getroffen." Bei dem Gedanken daran musste ich lachen: "Irre komisch. Und du?"
Hassan grinste: "Nur dem Postboten die Tür geöffnet und versucht einkaufen zu gehen. Nicht mal in den Spiegel geguckt!"
"Hmmh, wieso können wir uns sehn und reden?"
Hassan zuckte nur mit den Schultern.
"Kannst du dich erinnern, worüber wir gestern geredet haben?", fragte er.
"Astrale Projektion, Okkultismus, halt mystischen Kram", antwortete ich. "Aber wo soll der Zusammenhang sein, zwischen Sinn des Lebens und Unsichtbarkeit?"
Hassan kratzte sich am Kopf und begann seine Schminke mit Klopapier abzuwischen: "Du selbst sagtest gestern, daß in unserem Universum alles möglich sein müsste, wenn nur der menschliche Geist sich nicht in eine Hülle pressen lassen würde und sich physikalischen Maßstäben unterwirft."
"Aber, Scheiße", fuhr ich dazwischen: "Was ist denn noch möglich, wenn ich mich der Außenwelt nur noch schriftlich mitteilen kann, alle entsetzt wegrennen, wenn ich mich bemerkbar mache!?"
Hassan grinste: "Was glaubst du denn, warum wir uns sehen können?"
"Keine Ahnung!", schrie ich: "Wer sagt mir, daß du nicht auch Halluzination oder Illusion bist?"
"Eben!", sagte Hassan bestimmt.
"Eben?", fragte ich. "Eben was?"
"Ich habe dir gestern zugehört", sagte Hassan seelenruhig. "Du sagtest, daß der Mensch die Natur seines eigenen Wesens und seiner Kräfte nicht kennt. Sogar seine Vorstellung etwaiger Grenzen basiert auf Erfahrung der Vergangenheit und jeder Schritt vorwärts dehnt sein Reich aus!"
"Ja, ja, aber was hat das mit der Wirklichkeit zu tun?"
"Weil es keinen Grund gibt", entgegnete Hassan: "an theoretischen Grenzen festzuhalten, was der Mensch sein kann oder was er tun will!"
"Ja, ja, alles schon klar", fuhr ich Hassan an: "aber was hat das mit meiner oder unserer Unsichtbarkeit zu tun?"
"Also, ich für meinen Teil", sagte er: "Kann dich und mich sehen. Wirklich!"
"Ja, aber das Spiegelbild", sagte ich und stellte mich demonstrativ vor den Spiegel.
Entsetzt fuhr ich zurück. Wo mich vorher die Körperlosigkeit erschreckt hatte, erschreckte mich jetzt sein Vorhandensein. Mein Körper spiegelte sich im Spiegel.
"Hassan!", schrie ich auf: "Ich bin wieder da!" und drehte mich um.
"Hassan?" Er war nirgendwo zu entdecken.
Es klingelte an der Tür. Ich stürzte hin und riss die Tür auf. Hassan, völlig umgezogen, ohne Schminkspuren stand vor der Tür.
"High, Aivlys! Ich bring deinen Autoschlüssel zurück."
"Was?", ich sah ihn entsetzt an.
"Ja, ich hatte mir gestern deinen Wagen geliehen."
"Warst du nicht?", stotterte ich.
"War ich was? Irgendwas nicht okay? Du siehst so entsetzt aus."
"Ach nichts! Verwirrung am Montag!"
Der Autoschlüssel glitt mir aus der Hand und als ich ihn aufhob musste ich lächeln. Auf dem Boden lag ein Stück Klopapier mit Schminke dran.



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Datum der letzten Änderung: 29.02.2016