Der Blick in die Welt der autodidaktischen Künstler

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Werkschau Stahl & Farbe

Henning Block & Sylvia Aevermann


UK/us release --> UK/us release.



Leseprobe Omegalpha Ztt08 - Eine Weihnachtskrimikomödie

Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.
(Ob sie das wirklich sind ist eine ganz andere Frage!)
Alle Orte in der Schweiz sind ebenfalls frei erfunden.
Alle etwaigen Sprachbarrieren wurden kurzerhand aufgehoben!

Prolog - Prolog

Tat twam asi - Das bist du, du bist Teil des Absoluten. Indische Philosophie

Verlagsbüro Newbook, 24. Dezember 2007

Leonard Newbook saß an seinem überquellenden Schreibtisch und verwünschte langsam seinen unseligen Plan, über die Feiertage hinweg, diesen Haufen Manuskripte durchzusehen, um wenigstens ein druckreifes Buch daraus hervorzupicken. Hier und da hatte er sporadisch in verschiedenen Manuskripten geblättert, die meisten allerdings kopfschüttelnd, mit der Anmerkung: Zurück an den Autor, beiseite gelegt. In den seltensten Fällen machte er sich überhaupt noch die Mühe ein Expose vom Anfang bis zum Ende zu lesen. Er hatte eine eigene Methodik entwickelt, die darin bestand, an einer zufällig aufgeschlagenen Seite mit dem Lesen zu beginnen. Wenn ihn die Lektüre dann interessiert, las er den Anfang, das Ende und zwischen drin noch ein wenig. Die meisten Manuskripte kamen bei ihm allerdings selten über die zufällig aufgeschlagenen Seiten hinaus. Rachel, seine Sekretärin und die Lektoren waren allesamt schon am frühen Nachmittag nach Hause gefahren. Vorwurfsvoll hatte er sie alle angesehen. Fröhliche Weihnachten hatte er niemandem gewünscht! Er hasste diese Feiertage! Gefühlsduselei!, schalt er sich. Missbilligend stieß er einen Stapel Manuskripte vom Schreibtisch. Sollte sich doch ein anderer durch diese Schundberge wühlen! Er stand auf, trat zum Fenster und blickte auf den lautlos rieselnden Schnee. Die weihnachtlich beleuchteten Straßen weit unten, lagen unter einer dicken Schneedecke begraben. Sogar ein Weihnachtsmann stapfte durch den Schnee. Manchmal fühlte er sich schon wie der alte Scrooge. Verhärmt und verbissen. Der Geist der Weihnacht! Was er ihm wohl bringen würde? Mehr aus Ahnung, denn als daß er etwas gehört hatte, drehte er sich um und sah, wie die Tür sich langsam auf schob.
"Frohe Weihnachten, Mr. Newbook!", sagte eine sanfte Frauenstimme und er blickte in eine Revolvermündung.
"Was wollen Sie?", herrschte er, trotz seiner Angst vor der Waffe, die Frau, die an der Tür stand, an.
"Ich will, daß Sie mir zuhören!"
"Ich bin kein Psychiater!", gab er bissig zurück. "Gehen Sie!"
Hinter der Frau tauchten zwei Männer auf, die ihn mit kühlem Blick anstierten, jedoch kein Wort sagten. Die Frau schob sich ins Zimmer, ließ achtlos ihr Wollcape fallen und setzte sich, den Revolver unverdrossen auf Newbook gerichtet, vor seinem Schreibtisch im Besuchersessel nieder. Die beiden Gestalten, die mit ihr ins Zimmer kamen, der eine hager und schlaksig, der andere füllig mit Stiernacken, setzten sich auf die Ledercouch, die zu seiner rechten stand und fixierten ihn mit starrem Blick.
"Wer sind Sie?", fragte Newbook und betrachtete verblüfft die Frau.
"Der Geist der Weihnacht!", antwortete sie. "Diese beiden Geister dort", sie nickte in Richtung der beiden Männer, "möchten Sie, glauben Sie mir, lieber nicht kennen lernen!"
Newbook grinste, weil er gerade an den Geist der Weihnacht gedacht hatte, doch das Grinsen verging ihm schnell wieder, angesichts der Revolvermündung und angesichts der Situation, in der er sich befand.
"Setzen Sie sich bitte!", sagte die Frau und winkte mit der Pistole. Ihre zarte, schlanke Gestalt steckte in einem engen, schwarzen Schlauchkleid, dessen tiefer Ausschnitt fast bis zum Nabel ragte. Ein schwarzer Hut mit einem Spitzenschleier, der bis zur Nase ragte, verdeckte ihre Gesichtszüge und nur ihr sinnlicher roter Mund war vom Gesicht zu erkennen.
Newbook setzte sich, in gespannter Erwartung und doch fasziniert, in seinen Bürosessel.
"Was wollen Sie wirklich?"Newbook fühlte sich unbehaglich.
"Würden Sie bitte Tee kochen!", wandte sich die Frau den Männern zu. "Das wird eine lange Nacht." Die Männer erhoben sich und taten wie geheißen. "Ich sagte Ihnen bereits, was ich will!", beantwortete sie seine Frage und zog aus ihrer Tasche einen Stapel Papier hervor.
"Ich bin Verleger!", stotterte Newbook.
"Das weiß ich", gab sie sachlich zurück. "Betrachten Sie es als Folter durch eine unliebsame Autorin. Manche Verleger muss man wohl mit der Pistole zur Lektüre eines Manuskripts zwingen!" Ohne den Revolver zu senken, ruhten ihre Augen auf dem Papier und sie begann vorzulesen:

Prolog

"Das waren noch Zeiten!"
Schlange

"Du solltest ihn besser nicht essen!", sagte die Schlange und blickte sie vorwurfsvoll an. "Du weißt doch, wie unnachgiebig ER in solchen Dingen ist!"
"Ach, so ein kleiner Biss wird sicher nicht schaden - und überhaupt - mir hat ER es ja auch nicht direkt gesagt. ER hat es Adam gesagt - und du weißt doch selbst, wie Adam immer zuhört!"
Die Schlange schüttelte den Kopf und blickte noch vorwurfsvoller, als es möglich war. "Das wird ER mir zum Vorwurf machen! daß ich dich nicht davon abgehalten habe!"
"Ach, komm schon! Was willst du auch tun, um mich davon abzuhalten? Etwa angeschlängelt kommen und wütend zischen? Bis dahin hab ich ihn dreimal gegessen!" Nachdenklich betrachtete sie den Apfel in ihrer Hand. Bisher hatte sie es nicht gewagt, ihn vom Baum zu pflücken. "Ich habe den Eindruck, daß Adam sich mit mir langweilt! Kümmert sich tagein, tagaus um das Gemüse - was ja auch ein wenig albern ist. Es wächst doch alles von Selbst! Neulich erzählte ich ihm von zwei Affen, die sich stundenlang gelaust haben. Ich sagte ihm, ich wünschte, er würde mich mal so lausen. Er blickte mich kurz an und schüttelte den Kopf - und weißt du, was er gesagt hat?" Sie blickte die Schlange aufgebracht an und die schüttelte, mangels Vokabulars angesichts solch eines Gefühlsausbruches, ratlos den Kopf. "Du hast doch gar keine Läuse!"

Die Schlange lachte, wandelte das Lachen hastig in ein Hüsteln um und räusperte sich verlegen. "Ihr Menschen seid ein komisches Volk. Da tobt ihr hier im Paradies herum, habt alles und die einzige Bedingung ist, daß ihr die Äpfel von diesem Baum hier nicht essen sollt und ich soll ihn eigens bewachen! Und du willst ausgerechnet diesen Apfel. Wenn ich als Schlange weiß, daß etwas nicht gut für mich ist, wie zum Beispiel...", die Schlange suchte nach einem Beispiel und kratzte sich mit der Schwanzspitze den Kopf: "Frösche! Weil einige giftig sein sollen, dann lasse ich es bleiben!"Triumphierend blickte sie auf die Frau, die immer noch mit dem Apfel spielte.
"Ja, aber hast du jemals eine Schlange gesehen, die an einem Frosch eingegangen ist?"
Die Schlange dachte einen Augenblick nach, dann schüttelte sie den Kopf. "Nicht direkt", murmelte sie verlegen. "Ich bitte dich! Lass diesen Apfel dort hängen und freue dich darüber, daß du so ein sorgenfreies Leben führst!"
"Adam hat bestimmt nicht richtig zugehört! Ist doch irgendwie albern! Was unterscheidet diesen Apfel zum Beispiel von dem da?" Sie wies auf einen Apfel an einem anderen Baum und schüttelte dann den Kopf: "Wenn es nur ums Prinzip geht, dann schreit das Verbot, - wenn Adam überhaupt richtig zugehört hat - doch geradezu nach Übertretung. ER setzt mich hier in diesen Garten und Adam sagt mir dann immer, was ER gesagt hat. Angeblich!", fügte sie noch hinzu.
Die Schlange blickte die Frau überrascht an: "Wieso angeblich?"
"Manchmal denke ich, Adam denkt sich die Sachen aus: ER hat gesagt DU sollst abwaschen! ER hat gesagt: Du sollst tun was ICH sage! Findest du es nicht ein wenig seltsam, daß ER nicht mit mir spricht? Wer hat dich denn instruiert diesen Baum zu bewachen - und überhaupt, du hast ja auch ziemlich fest geschlafen, als ich dich wachgerüttelt habe! Ich wollte dich auch nur fragen, ob du Adam gesehen hast, weil er mir nicht gesagt hat, was er zum Abendessen haben will. Du hast gleich gezischt und gesagt, ich soll die Finger von diesen Äpfeln lassen! Wer hat dich instruiert?!
Die Schlange bemerkte beschämt, daß sie tatsächlich tief und fest geschlafen hatte, als sie unsanft aufgeschüttelt wurde. Niemand kam auf die Idee, die Äpfel auch nur anzurühren! "ER", sagte sie zischend.
"Wer ER?"
"Der Schöpfer!"
"ER hat dich persönlich beauftragt?"
Die Schlange nickte enthusiastisch und stutzte dann ein wenig. "Das ist schon so lange her!"
"Genau! Mir fällt schon nicht mal mehr ein, was ich kochen soll! Alle Variationen schon mal da gewesen! Adam kann mir ja sagen, was ER gesagt hat, was ich kochen soll!"
Die Schlange lachte amüsiert und als ihr das auffiel, tat sie wieder, als hätte sie einen Hustenanfall, der ihr gar nicht schwer fiel, weil sie das Lachen unterdrückte. "Und was willst du Adam sagen, wenn du den Apfel isst?"
"Ich will ihn ja gar nicht essen! Wieso redest du dauernd davon, daß ich ihn nicht essen soll? Ich weiß gar nicht, was an diesem Apfel dran sein soll! Aber!" Sie stutzte und blickte die Schlange an. "Warum hat ER denn diesen Baum hierhin gestellt?"Aufgeregt führte sie ihren Gedanken zu Ende. "Das ist doch ein Experiment! Oder?"
Die Schlange zuckte mit dem Schwanz und blickte recht verlegen drein: "Ich glaube nicht! ER sagte: ich solle jeden davon abhalten, Äpfel von diesem Baum zu essen!"
"Warum?"
Angestrengt dachte die Schlange nach: "Das weiß ich nicht mehr, ich glaube es hatte irgendetwas mit Erkenntnis zu tun!"Sie kratzte sich erneut mit dem Schwanz die Schuppen zwischen den Augen und wurde immer verdrießlicher.
"Und dann weißt du es nicht mehr?"Die Frau lachte und betrachtete den Apfel, der leuchtend rot, vor ihr an einem Ast hing. "Ich habe gerade die Erkenntnis, daß ich hier alles schon getan habe, außer, einen Apfel von diesem Baum zu essen! Du hast mich auf eine Idee gebracht!"
Die Schlange starrte schockiert auf die Frau: "Das darfst du nicht tun!"
"Warum nicht? Vielleicht will ER testen, ob ich klug genug bin, mich über ein Verbot hinwegzusetzen oder dumm genug es bleiben zu lassen!"
"Oder klug genug es bleiben zu lassen und dumm genug es zu tun!", zischte die Schlange.
"Warum hat ER diesen Baum dann hierhin gestellt? ER hätte ihn ja einfach weglassen können, daß nicht einmal die Möglichkeit existiert!"
"Damit ihr ihn respektiert!", sagte die Schlange gewissenhaft.
"Wir respektieren hier alles - Seine Schöpfung, die Nahrung, den Fluss, aber er muss doch irgendeinen Plan mit uns haben!"
Die Schlange zuckte wieder mit dem Schwanz: "Ihr sollt hier glücklich sein!"
"Sonst nichts?", die Frau blickte die Schlange betrübt an. "Sonst nichts?"
"Lass doch endlich mal die Finger von dem Apfel!", zischte die Schlange, die bei dem Anblick von dem Apfel, um den die Frau ihre Hände gelegt hatte, ganz nervös wurde. Schweißperlen tränkten ihre Schuppen und entsetzt blickte sie auf den Apfelstiel, der jetzt noch sicher am Ast haftete. "Nimm doch bitte endlich die Finger von dem Apfel!", züngelte sie schon flehentlich. Mit einem leisen Seufzen streichelte die Frau den Apfel, legte schützend ihre Hände um ihn und wollte ihn schon loslassen, als eine mächtige Stimme durchs Tal erklang und sie zusammen zucken ließ.
"Eva! Eva. Wo bleibt das Essen?"
Sie starrte entsetzt auf den Apfel in ihrer Hand, wandte sich zum Gehen und warf einen letzten Blick auf die Schlange. "Apfelkompott!", sagte sie triumphierend und warf den Apfel lachend in die Luft. ""Adam merkt ohnehin nicht, was auf den Tisch kommt!"


"Wenn Sie dieses hier lesen,
reißen Sie sich die Kleider vom Leib, bis Sie nackend sind,
hüpfen dreimal auf der Stelle auf und ab und rufen dabei:
"Libertà, libertà, libertà".
Danach ziehen Sie sich seelenruhig wieder an,
soweit das möglich ist und bitten die verwirrten Anwesenden um Nähzeug.

Kursbuch Fernhypnose: Willensübertragung
Morgul Mahound

Draußen wirbelten die böigen Stürme einer eiskalten Dezembernacht die wogenden Schneemassen umher. Die ganze Welt schien unter einem dicken Teppich dichter, glänzender Schneemassen zu versinken. Ein stürmischer Wind tobte um das Haus, doch der Betrachter des Spektakels, der sich auf einer bequemen, flachen Couch, neben einem flackerndem Feuer im Kamin, mit einer Gitarre auf dem Schoß ausstreckte, blickte zufrieden durch die riesigen Fenster auf das Schneegestöber. Bei diesem Sturm würde sich wohl kaum jemand auf die gefährliche Reise wagen, sich einen Weg durch die Schneemassen zu bahnen.
Endlich die lang ersehnte Ruhe, obwohl er sich, wie er insgeheim zugab, seit ein paar Tagen fast langweilte. Neue Eingebungen, neue Lieder, die Tausende von Menschen zum Dahinschmelzen bringen sollten, waren ihm noch nicht gekommen. Die meiste Zeit, so schien es ihm, verbrachte er ausgestreckt auf dem Sofa, auf das Schneegestöber glotzend. Hin und wieder griff er nach der Gitarre, zupfte ein paar Takte, hielt inne und lauschte dem Jaulen des Windes. Schließlich brach er in ein Lachen aus: "Meine Güte, ich rede jetzt schon mit dem Wind."
Die Idee war großartig gewesen, ein paar Tage auf dem abgelegenen Anwesen auszuspannen. Wann war er das letzte Mal überhaupt allein gewesen? Abgesehen von der vergangenen Woche, in der er sogar das Telefon abgestellt und einen Riesenbogen um das Fernsehzimmer oder die Computeranlage gemacht hatte. Kein Fernsehen, kein Radio oder Internet - keine neuen Informationen, nur das Pfeifen und Jaulen des Windes. Er konnte sich nicht daran erinnern! Robbie van Winterblum lächelte bei dem Gedanken, wie die Menschentraube aus Manager, Produzenten, Tänzern, Kritikern, Fans und Frauen angesichts seines Verschwindens wilde Spekulationen anstellen würden. Sein Manager hatte sicher schon herausgefunden, wo er sich aufhielt, doch der Schneesturm hinderte auch ihn, die Ruhe zu stören. Stockard Darius hatte sicher erst über sein Verschwinden vor Wut gekocht, dann ein paar Wodka Martinis in sich hinein geschüttet und sich schließlich mit einer seiner unzähligen Freundinnen getröstet. Das scheppernde Heulen des Windes ließ Robbie schauern, er stand auf, schürte das Feuer im Kamin, schenkte sich einen Cognac ein und blieb, nach einem kurzen Streifzug durch das Haus, erneut vor den riesigen Fenstern stehen, um hinauszublicken. Die Nacht hatte gerade gänzlich das trübe Licht der Dämmerung verschluckt. Wohin die Gedanken einen in solch einer Sturmnacht tragen. Um nichts in der Welt würde er jetzt durch diesen Sturm stapfen wollen! Er schaltete die Außenbeleuchtung ein, die sonst grazile Skulpturen, jetzt unförmige Schneehaufen im Garten, erleuchtete. Gedämpftes Licht schickte schwache Strahlen in die wirbelnden Flockenschauer. Wie finster die Nächte hier im Winter waren! Er beschloss, noch ein paar der ungezählten Runden durch den Pool zu ziehen, vielleicht noch eine Sauna und ein Mahl zu nehmen, um sich dann vermutlich erneut, mit einem Glas Cognac in der Hand, vor demselben Fenster, auf der Couch, wiederzufinden.
Der Pool war eine großartige Anlage. Inmitten der zahlreichen Pflanzen und Gewächse, ein krasser Kontrast zu den klirrenden Außentemperaturen. Der Hausverwalter kümmerte sich gut um alles, wie er jetzt zum ersten Mal bemerkte. Robbie legte eine seiner Lieblingsscheiben auf, streifte seine Kleider ab, sprang kopfüber in den Pool und zog seine Runden.
Für einen Künstler ist Rückbesinnung auf sich Selbst die Erholung. Die Kraft aus sich selbst zu schöpfen. Kraft um bereit zu sein, sich neuen Herausforderungen zu stellen, fuhr es ihm durch den Kopf, als er rund eine Stunde später, in der er sich ganz auf das Schwimmen konzentriert hatte, wieder aus dem Becken kletterte. Wie ausgelaugt ich mich fühlte, nach all den Monaten durch unzählige Clubs, Fernsehsender, Partys und Länder. Die Herausforderung wird sein, jetzt noch den ultimativen Sound zu finden.
Ein Lied über den Tod vielleicht. Letzte Aufzeichnung eines unter Schneelawinen Begrabenen. Robbie lachte vor sich hin, streifte sich eine Jeans und ein T-Shirt über und tänzelte singend in die Küche: "Darkness surrround you! What has happend? The air is stuffy! Where are you?"
Ein Blick in den Kühlschrank.
"No space to move, ihr armen Radischen! No sound to hear! Oder, hat hier einer was zu sagen, Miss Blumenkohl?" Ein Blick in die Tiefkühltruhe.
"Shift in a coldness cage. Feel your stiggy tongue, unable to cry. Panic and fear, paralyse your brain,
nein, besser kein Fleisch."
Kühltruhe zu, neuer Blick in den Kühlschrank.
"And an evil thought tells you, " der Kühlschrank schlug zu, "You are burried alive, burrried alive!"
Beim letzten Satz war er doch wieder an der Bar gelandet, lachte über den missglückten ultimativen Tophit, - das konnte er höchstens einer Death Metal Band anbieten - und erwischte sich dabei, sich einen Cognac einzuschenken. Das Feuer im Kamin war fast erloschen und so machte er sich daran, es wieder in Gange zu bringen. Vertieft in die Tätigkeit, horchte er überrascht auf. Er lauschte in die Stille. Da war doch was!
"Is there anybody in there?", eine harmonische Melodie erklang. Woran erinnerte ihn diese Melodie nur? "Is there anybody in there?"
Eine Türglockenmelodie! Irgend jemand klingelte!
"Bei diesem Sturme klingelt, so scheint es, schon der Wind!", murmelte er vor sich hin, schürte noch einmal das neuentflammte Feuer und schlenderte in einen Raum neben der Halle, in dem das Videoüberwachungssystem des Geländes, Telefone, Computer, Faxe und die Steuerung der Außenanlagen untergebracht waren. Ein ganzer Haufen Faxe war bereits auf dem Fußboden gelandet. Robbie verschwendete keinen Blick darauf und versuchte unter den Knöpfen für die Monitore, den des Außentores zu finden.
Erneut erklang die Türglocke: "Is there anybody in there?"
"Hier drinnen ist jemand", murmelte er vor sich hin. "Fragt sich nur, wer da draußen ist." Endlich hatte er den richtigen Monitor gefunden, wenn die Kameras überhaupt noch funktionierten. "Is there anybody in there?", die Türglocke schien gar nicht mehr aufzuhören.
"Wer zum Teufel klingelt hier im Sturm?", zischte Robbie und bemühte sich auf dem verschwommenen Monitorbild etwas zu erkennen. Auf einmal hatte ihn die Neugierde gepackt, wer dort sein könnte. Er wischte über den Monitor hinweg, als könnte er damit die Schneeflocken an der Linse fortfegen. Die Türglocke gab ihre Bemühungen nicht auf. Auf dem undeutlichen Bild waren vage Umrisse einer Person zu erkennen, wenn der Fleck überhaupt so etwas wie ein Mensch war. Die Sprechtaste für das Außentor kam ihm endlich in den Sinn und er drückte den Knopf: "Ja?"
"Hallo!", eine undeutliche Stimme, im Heulen des Sturms kaum zu verstehen, erklang aus dem Lautsprecher: "Ist da jemand?" Robbie musste, angesichts der Ähnlichkeit der Worte mit dem Text der Türglockenmelodie, lachen. Ein Scherz von einigen seiner Musikerfreunde.
"Ja, hier ist jemand", brüllte er zurück. "Was wollen Sie?"
"Bitte lassen Sie mich hinein", gelte eine Stimme durch den heulenden Wind. Er vermochte nicht zu sagen, ob es eine Männer oder Frauenstimme war. Noch einmal erklang die Türglocke: "Is there anybody in there?"
"Bitte, lassen Sie mich hinein, ich erfriere!", rief die Stimme erneut. "Sonst werden Sie morgen beim Schneeschaufeln vielleicht eine steif gefrorene Leiche wegschaufeln müssen", heulte sie durch den Sturm. "Lassen sie mich hinein!" Die Türglocke verkündete erneut ihre Botschaft Robbie grinste über den makaberen Scherz mit dem Schneeschaufeln.
"Warum zögere ich eigentlich noch?" Gerade als er den Schalter für das Außentor betätigte, fegte der Wind über die Kameralinse hinweg, wirbelte die Schneeflocken fort und gab das Bild frei.
"Jesus Christ!", entfuhr es ihm.
"Mein Gott, wollen Sie mich nicht einlassen?", schrie die Stimme durch das Toben des Sturmes.
Er legte den Schalter des Außentores um und hoffte, daß das Tor stark genug sei, sich trotz der Schneemassen aufzuschwingen.
"Komm schon", brüllte Robbie dem Schalthebel zu, rüttelte in beide Richtungen, um das Tor nicht weiterhin geschlossen zu sehen. "Es ist eingefroren. Warten Sie!", schrie er durch die Außensprechanlage dem unerwartetem Besucher zu, warf einen letzten verblüfften Blick auf das Monitorbild und hastete aus dem Zimmer in die Garage. Es gab nur eine Möglichkeit das Außentor aufzubekommen! Robbie schnappte sich eine Stahlkette, die, wie er wusste, in der Garage zu finden war, warf sie in den Landrover und öffnete mit der Funksteuerung das Garagentor. Das ächzen und Knirschen der Scharniere, die gegen die Schneemassen ankämpften, war deutlich zu hören. Sie schafften es immerhin soweit, daß der Wagen, bis auf einige Schrammen, hindurch passen würde. Er startete den Wagen und kämpfte sich, nur knapp einige Bäume der Allee verfehlend, schlitternd durch die Schneemassen. Gleich würde sich zeigen, ob die Erscheinung eine Fata Morgana, oder leibhaftig war. Er fuhr schneller und schon jetzt drang ihm die Kälte bis unter die Haut. Gleich hatte er die Entfernung zum Tor bewältigt. Die Torflügel waren noch beide geschlossen. Es musste eingefroren sein! Hinter dem Tor, stand doch leibhaftig eine Fata Morgana. Er glaubte auch jetzt noch nicht, seinen Augen zu trauen. Endlich war er angelangt. Er sprang aus dem Wagen und blickte auf eine junge Frau in einem roten Kleid, die, wie auch er jetzt, bis zur Hüfte in den Schneemassen verborgen war. Sie zitterte am ganzen Leib, hatte die Arme fest um sich geschlungen und schien kaum noch Leben in sich zu haben.
"Himmel, sei Dank", hörte er sie gegen den Sturm sagen. Sie schaute ihn an, sagte jedoch kein Wort mehr.
Robbie holte die Kette aus dem Auto, befestigte sie schnell an einem Torflügel und am Wagen, legte den Rückwärtsgang ein und riss nach wenigen Augenblicken und mehreren Anläufen den metallenen Torflügel, knirschend aus seiner Mauerpfostenverankerung. Das Sicherheitsschloss gab gleichzeitig nach und mit einem Ruck sank der Torflügel fast lautlos in den Schnee. Robbie sprang aus dem Auto und blickte sich suchend um. Die Fata Morgana war verschwunden. Seine noch nassen Haare froren zu Eisklumpen. Eine Sekunde Zögern, einen Gedanken an Shining, dann hastete er auf die Stelle zu, an der die Frau gestanden hatte. Ohnmächtig und weiß lag sie im Schnee. Robbie nahm sie vorsichtig auf, kletterte über das zerstörte Tor hinweg, legte sie in den Wagen, drehte die Heizung auf Hochtouren und warf einen Blick auf seine unbekannte, ohnmächtige Begleiterin. Die Frau zitterte am ganzen Leib, ihre Augenlider flatterten, doch immerhin lebte sie noch. Sie musste schnellsten ins Warme..
"Wer sind Sie?", fragte er, überprüfte ob ihr Herz noch schlug und ihre Atmung funktionierte. Beides bestätigt zu finden gab ihm den Ruck, Gas zu geben und schnell zurückzukehren. Sie gab keine Antwort. Er legte den Rückwärtsgang ein und bemerkte das gefesselte Tor erst, als es sich verkeilte. Das verdammte Tor war noch an den Wagen gekettet! Hinter sich her hatte es eine Spur der Verwüstung gezogen! Fluchend kletterte er erneut aus dem Wagen, um die Kette zu lösen. Robbie konnte kaum noch seine Hände spüren, als seine klammen Finger es endlich geschafft hatten, die Kette zu lösen und erleichtert sprang er zurück in den Wagen. Erst jetzt fiel ihm auf, daß er noch ebenso barfuss war, wie, als er aus dem Pool kam. Ihm war schon so kalt, daß es kein Superlativ mehr gab, wie kalt musste ihr dann erst sein?
"Wären Sie nicht gekommen, hätte ich mich bis zum nächsten Ort durchgekämpft und Sie, falls ich überlebt hätte, wegen unterlassener Hilfeleistung verklagt, "murmelte sie.
Er hatte genau verstanden, was sie gesagt hatte, doch sie schien immer noch bewusstlos zu sein. Robbie wollte keine Sekunde mehr warten, zurück in die behagliche Wärme des Hauses zu kommen.

Der Wagen schlidderte und schlenkerte die Strecke bis zum Haus zurück und mit einem kurzen, knirschenden Ruck am Garagendach, blieb er wieder an seinem alten Platz stehen. Hier war das grauenerregende Kreischen der Alarmanlage zu hören. Die Zerstörung des Tores hatte natürlich Alarm ausgelöst. Robbie packte die Ohnmächtige, trug sie schnell vor das Kaminfeuer, legte sie nieder und hastete in den Steuerungsraum um dem ohrenbetäubendem Lärm ein schnelles Ende zu bereiten. Rasch gab er seine Codenummer zur Identifizierung ein und augenblicklich verstummte das Kreischen. Die Kälte hatte auch ihn bis auf die Knochen durchdrungen, er zitterte am ganzen Leib, fieberhaft überlegte er, wie zuerst zu handeln sei. Warme Decken! Sollte er sie zum Auftauen in den Pool legen? Sofort kehrte er zur Unbekannten zurück und wickelte sie in ein paar Decken ein. Nach wie vor, war sie ohnmächtig, doch ihr Pulsschlag war zu spüren. Robbie stürzte zur Bar, schenkte einen Cognac ein, wollte ihn gerade der Frau einflößen, besann sich eines besseren, trank das Glas selbst aus und stürzte dann zum Telefon. Wen wollte er anrufen? Er kannte nicht eine Telefonnummer eines Arztes. Darius! Schnell steckte Robbie das Telefonkabel in die Telefondose und wählte die wohlbekannte Nummer, die Einzige, welche er überhaupt in seinem Gedächtnis gespeichert hatte.
Darius geht immer ans Telefon. Es dauert keine zehn Sekunden, neun, acht, sieben, sechs, fünf.
"Darius", ertönte die wohlbekannte, schnarrende Stimme.
"Wie taut man jemanden auf, der fast erfroren ist", fragte Robbie ohne Umschweife.
"Augenblick", sagte Darius und redete mit jemandem im Raum.
"Meine Begleiterin ist Medizinstudentin, sie sagt langsam, in der Badewanne vielleicht! Ich ruf doch besser einen richtigen Arzt an, von wo...", Darius kam nicht dazu seinen Satz zu vollenden.
"Danke", bellte Robbie ins Telefon, warf den Hörer auf die Gabel und eilte zurück in das Wohnzimmer. Die Ohnmächtige hatte sich, bis auf ihr Zittern, noch nicht bewegt. Robbie nahm sie erneut vorsichtig auf und trug sie ins Badezimmer.
"Hätte vielleicht erst Wasser einlassen sollen!", kam ihm in den Sinn, legte sie trotzdem in die Badewanne und drehte den Wasserzulauf, vorrausschauender Weise über den Duschbrausenkopf, über dem Abfluss, auf. Das Wasser aus der Leitung war eiskalt und es dauerte einige Sekunden, bis ein warmer Wasserstrahl aus der Leitung schoss. Robbie legte den Hebel für den Wannenzulauf um und beschloss, schnell im Spurt den Cognac und ein paar warme Sachen zu holen. Beladen kehrte er ins Bad zurück. Die Wanne war schon halbvoll, er reduzierte den Kaltwasserzulauf, so daß nur ein kleiner Strahl lauwarmes Wasser floss. Schenkte etwas Cognac ein, setzte sich auf den Wannenrand und versuchte ihr etwas einzuflößen. Sie hustete, verschluckte sich und schlug endlich die Augen auf.
"Willkommen unter den Lebenden!", sagte Robbie erfreut zu ihr. "Wer sind Sie und was zum Teufel haben Sie da draußen in dem Sturm gemacht?"
Sie wollte antworten, doch anstelle einer Stimme, kam nur ein heiseres Krächzen. Vorsichtig streckte sie ihren Arm nach dem Glas aus und Robbie reichte ihr ein halbvolles Glas. Sie trank einen Schluck und räusperte sich.
"Mmmir ist furchtbar kalt", brachte sie schließlich unter Zähneklappern hervor. "Ich bin über . . überfallen worden. Da lag ein Mensch auf der Straße und als ich, als ich hielt und ausstieg, beinahe hätte ich ihn überfahren, als ich hielt, schlug mich jemand nieder." Sie befühlte bei diesen Worten ihren Hinterkopf und verzog schmerzverzerrt das Gesicht. "Mein Wagen wurde gestohlen, ich muss, ich muss die Polizei rufen." Sie wollte schon aufspringen, doch er drückte sie sachte in die Wanne zurück
"Sie müssen sich erst einmal aufwärmen", sagte Robbie und wischte ihr sanft einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.
"Ich habe das Licht gesehen", sagte sie, lehnte sich dabei entspannter zurück, trank den Rest des Glases in einem Zug aus und schloss die Augen.
"Kann ich Sie einen Augenblick alleine lassen", fragte Robbie.
"Natürlich, ich danke Ihnen. Verzeihung", sie öffnete blinzelnd die Augen und reichte ihre Hand über den Rand: "Praxeda Empress."
"Sehr angenehm." Robbie nahm ihre Hand und hatte den Eindruck, daß sie schon einige Grade wärmer war.
"Ich werde sehen, ob das Telefon noch funktioniert, ich bin gleich zurück."
Schnell streifte er sich einige der warmen Sachen über, ging erneut in den Steuerungsraum und wählte die Nummer.
Nach dem ersten Klingelton erklang schon die Frage: "Wo bist du, wann kommst du vielmehr zurück?"
"Auf Hawaii, vielleicht nächste Woche!"
"Soso, Erfrierungen auf Hawaii!"Robbie konnte den schmunzelnden Manager förmlich vor sich sehen.
"Gelegentlich schneit es auch auf Hawaii! Hier ist mitten im Schneesturm eine bildhübsche, junge Frau vor meiner Tür gelandet, die jetzt auftauender Weise in der Badewanne liegt und das Bewusstsein wiedererlangt hat."
"Weiß sie, wer du bist?", fragte Darius.
"Nein, das weiß ich ja selber kaum genau. Ich weiß wer sie ist. Ihr Name ist Praxeda Empress. Versuche alles über sie herauszufinden! Ich ziehe jetzt wieder die Telefonverbindung aus. Bei dem Sturm können die Telefone nicht funktionieren", sagte Robbie lachend.
"Du brauchst keine Daten über die Kurierung Halberfrorener mehr?", fragte Darius. "Ich werde dir die Daten gleich faxen."
Im nächsten Augenblick begann das Fax zu rappeln und eine neue Papierflut ergoss sich in das Zimmer.
"Alter Schurke", sagte Robbie freundlich zu Darius. "Ich wusste, daß du weißt, wo ich stecke!"
Er legte auf, nahm das erste Fax, das gerade angekommen war auf und las: Du hast Danke! gesagt! Frohe Weihnacht! Dein Freund Darius.
Die kunstvoll geschwungene Handschrift von Darius, ließ diesen Brief wie ein liebevoll gestaltetes Kunstwerk aussehen. Weihnachten, daran hatte Robbie mit keinem Gedanken gedacht. Er legte das Papier auf einen Stapel nieder, strich noch einmal sanft darüber, als wolle er es streicheln und verließ den Raum, ohne den medizinischen Details von Erfrierungen, die weiter fröhlich durch das Faxgerät rappelten, weitere Beachtung zu schenken. Sorgsam verschloss er die Tür und schlenderte ins Badezimmer zurück.
"Ist Ihnen schon wärmer geworden?", fragte er und steckte seine Hand ins Wasser, um die Temperatur zu prüfen, befand es zu kalt und drehte den Warmwasserzulauf auf. Sie nickte. Ihr Zittern hatte ein wenig nachgelassen.
"Oh, Gott", sagte sie. "Ich glaube, mir ist im ganzen Leben noch nie so kalt gewesen."
Robbie blickte auf ihre Stiefel, griff ins Wasser und begann die Stiefel aufzuschnüren. "Ich ziehe Ihnen die Stiefel aus", sagte er, als ob sie das noch nicht bemerkt hätte. "Es gibt hier eine Sauna, obwohl, vielleicht ist das gar nicht gut, für den Kreislauf, meine ich." Meine Güte, fuhr es Robbie durch den Kopf, was rede ich nur für ein Zeug.
"Funktioniert Ihr Telefon?", sie blickte ihn erwartungsvoll an.
"Nein", log Robbie, von sich selbst überrascht, wie ungeniert das über seine Lippen floss. "Wo kommen Sie her?", fragte er gleich, um von dem Telefon abzulenken. Er ließ den ersten nassen Stiefel auf den Vorleger fallen und machte sich an den zweiten.
"Ich fuhr auf der Strasse", sagte sie. "Als ich nach dem überfall zu mir kam, waren ringsherum nur Bäume. Ich habe versucht zurück zur Straße zu finden, doch ich wusste nicht, in welche Richtung. Irgendwann hab ich das Licht gesehen und bin darauf zugegangen." Sie blickte ihn freundlich und dennoch ernst an: "Sie haben mir vermutlich das Leben gerettet. Dafür danke ich Ihnen!"
Da war dieses Wort schon wieder.
"Sie haben mir schon vorhin gedankt", erwiderte Robbie, ließ den zweiten Stiefel auf den Vorleger sinken und stellte das Wasser ab. "Jemanden bei diesem Wetter ohne Jacke vor die Tür zu schicken, ist ein schweres Verbrechen", sagte er aufrichtig, wenn auch mit einem zwinkerndem Auge. "Im Namen der Menschlichkeit hoffe ich, daß ich dieses Verbrechen vergessen machen kann."
"Sie sind nur im T-Shirt draußen gewesen.", sagte sie ernüchtert. "Um es in Ihren Worten zu sagen, ein schweres Verbrechen habe ich dann auch gegen Sie begangen." Fast schuldbewusst blickte sie auf ihre Füße. Davon, daß er auch noch barfuss gewesen war, sagte er lieber nichts.
"Oh, Ihr Tor!"Sie schaute ihn aus großen Augen an und schien sich vor ihrem geistigen Auge die Zerstörung auszumalen. "So ein verfluchter Mist", entfuhr es ihr plötzlich. Gleich setzte sie eine entschuldigende Miene auf. "Verzeihung, das ist ein glänzendes Beispiel für falscher Ort und falsche Zeit. Sie sind vermutlich zur rechten Zeit, am rechten Ort."
"Zumindest bin ich es schon einmal im Leben gewesen", erwiderte Robbie schmunzelnd und reichte ihr ein neu gefülltes Cognacglas, das sie in einem Zug leerte. "Vielleicht sollten Sie bald aus der Wanne steigen, die nassen Sachen ausziehen, ein paar trockene an und sich vor das Kaminfeuer setzen", forderte Robbie sie, nach einer unendlichen Weile, in der sie sich schweigend beobachtet hatten, auf. Sie blickte an sich entlang, als ob sie zum ersten Mal bemerkte, daß sie mit einem Kleid in der Badewanne lag.
"Schaffen Sie das alleine?"
Sie nickte, schwang sich auf wackeligen Beinen aus dem Wasser hoch, so daß er sie doch beim Aufstehen stützte, aus Sorge, sie könnte stürzen. Schließlich stand sie auf ihren noch zitternden Beinen am Waschbeckenrand, stützte sich darauf und sah ihn herausfordernd an.
"Verstehe! Ich lass Sie jetzt besser alleine", sagte er, ihren Blick dahingehend interpretierend, daß sie sich lieber alleine ausziehen wollte. Er ging aus dem Zimmer, stellte rasch die Sauna an und hastete eine Treppe hinauf, um im oberen Stockwerk schnell selbst noch eine wärmende Dusche zu nehmen Seine Füße waren noch immer eisig kalt und der warme Strahl brachte sie immerhin nach einer Weile auf Körpertemperatur. Er zog sich Jeans und eine doppelte Schicht Pullover an, warf einen zufriedenen Blick in den Spiegel und sprintete die Treppe hinunter. Gleichzeitig kamen beide im Kaminzimmer an. Praxeda, in mindestens drei Lagen Kleidung und ein halbes Dutzend Socken gepackt, ließ sich, auf Robbies Aufforderung, verlegen auf die dicken Teppiche und die Kissen vor dem Kamin niedersinken. Er fand, die viel zu große, am Ende umgekrempelte Jeans und die übergroßen Pullover ließen sie zierlich und zerbrechlich aussehen.
"Also, Praxeda, warum sind Sie überhaupt bei diesem Wetter auf der Landstrasse gewesen", fragte Robbie, sich mit einem Handtuch die letzten Wassertropfen aus den Haaren reibend.
"Ich wollte Erholungsurlaub machen und habe mir eine Hütte gemietet", antwortete sie rasch. "Der Verwalter sagte, ich solle den linken dritten Weg von der Landstrasse und dann den zweiten rechts nehmen. Ich habe mich verfahren und wollte gerade an einer geeigneten Stelle umkehren, als plötzlich ein Mensch auf der Strasse lag. Das habe ich Ihnen schon erzählt. Stattdessen wäre ich fast erfroren, habe auch noch ihr Leben riskiert und bin auf einem Weg der Zerstörung unaufgefordert bei Ihnen eingebrochen."
"Die Hauptstrasse ist etwa zwei Meilen entfernt, wenn Sie von dort kommen, dann haben Sie ja einen weiten Weg hinter sich."
"Ich habe keine Ahnung wie weit ich gegangen bin", sagte sie. Energisch schüttelte sie den Kopf, als könne sie damit ihrer Fassungslosigkeit Herr werden. "Sie sagten, Ihr Telefon funktioniert nicht, ob es mittlerweile wieder funktionstüchtig ist."
Robbie schüttelte ebenso energisch, wie gerade sie zuvor, den Kopf: "Nein, ich habe es eben erneut probiert. Vermutlich ist das Telefonnetz bei dem Sturm zusammengebrochen. Ob Sie wollen, oder nicht, im Augenblick sitzen Sie hier fest." Schuldbewusst seiner Lüge hinzufügend: "Machen Sie sich keine Sorgen, es wird schon alles wieder ins rechte Lot gerückt und ich freue mich über Ihren unerwarteten Besuch."Aufrichtig blickte er sie an. Tatsächlich erfüllte ihn ein Gefühl von Freude und Abenteuerlust. "Noch einen Drink?"
Sie nickte zaghaft. Er schlenderte an die Bar, schenkte zwei Gläser ein und ließ sich damit ebenfalls in die Kissen sinken.
"Außerdem möchte ich keinesfalls eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung an den Hals bekommen", fügte er hinzu. Verständnislos blickte sie ihn an. "Sie sagten, sie kämpfen sich bis ins nächste Dorf und verklagen mich!", sagte er grinsend und blickte sie auffordernd an.
"Daran kann ich mich nicht erinnern", sagte sie wahrheitsgemäß, doch ein wenig verlegen.
"Haben Sie vielleicht eine Zigarette?", fragte sie schließlich.
Robbie schüttelte den Kopf: "Die hab ich irgendwo versteckt, als ich betrunken war und beschloss das Rauchen aufzugeben. Vielleicht finde ich in einem der Gästezimmer welche." Er sprang auf und machte sich sogleich, ihr: "Bitte keine Umstände! Ich habe es schon lange aufgegeben!", ignorierend, auf die Suche. Ihm war jetzt nach einer Zigarette! Er durchstöberte die Räume des Obergeschosses und fand schließlich in einem Zimmer eine kleine Kiste, in der sich, neben Tabak und Zigaretten, auch reichlich andere Stimulanzien fanden. Irgendeiner der Musiker, die gelegentlich das Anwesen nutzten, hatte sich hier einen Vorrat angelegt. Er beschloss das Kästchen mit nach unten zu nehmen und erst einmal etwas zu essen zu machen. Sein Magen knurrte und auch Praxeda müsste, wenn sie durch das Gelände geirrt war, hungrig sein.
Als er, erfolgreich in seiner Suche, an den Kamin zurückkehrte, fand er sie, im Feuerschein des Kamins, schlafend in eine Decke gekuschelt. Sogleich machte er sich daran, erneut die Schränke nach einer Köstlichkeit zu Essen zu durchsuchen. Die Pizza aus der Tiefkühltruhe sah am vielversprechendsten aus und nachdem die lieblos aussehenden Pizzalappen auf dem Blech lagen, belegte Robbie sie noch mit Zutaten, die sich in den Schränken fanden. Einige Tomaten, Zwiebeln, ein paar getrocknete Pilze, Oliven, Pepperonis, Chillis, Ananasstücken, Salami und Käse. Zufrieden mit dem Ergebnis, schob er die Pizzas, mit der auf der Verpackung angegebene Temperatur, in den Ofen und stellte die Zeitschaltuhr auf etwas mehr, als die angegebene Zeit.
Praxeda schlief noch immer tief und fest und er beschloss sie erst zu wecken, wenn das Essen fertig ist. Jetzt konnte er sie ungeniert betrachten. Sich an die Zigaretten erinnernd, kramte er aus seiner Hosentasche das Päckchen hervor und zündete sich eine an. Genussvoll sog er den Rauch ein und ließ seinen Blick weiter über die schlafende Frau gleiten. Ihr dunkelblondes Haar war noch feucht vom Schnee und dem Bad, ihre erst bleiche Haut hatte wieder eine gesunde Farbe bekommen und ihr strahlendes Gesicht lag in friedvollem Schlaf. Ihre herrliche Figur, die er schon im Bad hinreichend bewundert hatte, war jetzt unter unförmigen Lagen von Kleidung und Decken verborgen. Vor ein paar Stunden noch hatte er geglaubt, nichts in der Welt würde ihn in den Schneesturm bringen und jetzt saß er hier, auf eben derselben Couch und war von sich selbst überrascht. War er tatsächlich, spärlich bekleidet, hinaus in den Sturm gerannt, um eine Unbekannte zu retten? Seine kleine Lüge über das Telefon tat ihm nicht leid, obwohl er sich mit dem nächsten Gedanken schon fragte, was er damit bezweckte. Vermutlich will ich sie noch nicht gehen lassen, lautete seine wahrscheinlichste Erklärung. Der Weihnachtsengel hatte buchstäblich vor der Tür gelegen, es wäre doch Unsinn, ihn gleich wieder fort zu schicken. Das leichte Surren der Zeitschaltuhr unterbrach ihn in seinen Gedankengängen.
Er nahm die köstlich duftenden Pizzas aus dem Ofen, richtete sie auf Brettchen an, schnappte sich Besteck und kehrte mitsamt einer Flasche Wein, die er gleich, als seine Entscheidung auf Pizza fiel, geöffnet hatte, ins Wohnzimmer zurück. Sanft rüttelte er an Praxedas Schulter und sie öffnete die Augen.
"Sind Sie hungrig?"
Sie nickte: "Wie ein Wolf! Das duftet wirklich köstlich!." Sie rieb sich die verschlafenen Augen, setzte sich auf und beobachtete Robbie, wie er das Essen auf einem kleinen Beistelltisch, den er vor den Kamin gestellt hatte, anrichtete und gerade den Wein einschenkte. Als er sich neben sie niederließ, blickte er ihr lächelnd in die Augen, nahm ihre Hand und sagte feierlich: "Frohe Weihnachten!"
"Auch Ihnen frohe Weihnachten", sagte sie aufrichtig, wandte sich jedoch gleich ab, vermutlich, damit er ihre aufsteigenden Tränen nicht bemerkte. Heißhungrig machten sie sich über die Pizza her.

Der Wagen kämpfte sich im Schneckentempo durch den Schneesturm. Von Schneewehe zu Schneewehe. Der Fahrer des Wagens "Pitsch"Kettlar warf einen weiteren missmutigen Blick auf seinen kopfschüttelnden Begleiter.
"Von Mord war keine Rede!"zischte "Snake"Barnacle, der Beifahrer, Pitsch zu. "Wir haben sie umgebracht", fing er erneut an und schüttelte weiterhin den Kopf.
"Snake, Junge, beruhige dich, das Flittchen hat noch gelebt, nachdem ich ihr eins übergezogen hab", fuhr Pitsch seinen aufgebrachten Partner an. "Von Mord ist keine Rede!"
"Wir haben sie einfach da in der Wildnis ausgesetzt, sie wird erfrieren in ihrem Kleid, dann ist es Mord", sagte Snake in einem jammernden Tonfall und schüttelte noch heftiger seinen Kopf.
"Was muss das Flittchen auch bei solchem Wetter ein Kleidchen anziehen?", fragte Pitsch wütend und sah seinen Begleiter missmutig an. "Wir können auch keine Zeugen gebrauchen. Bis irgendjemand ihre Leiche findet, ist Gras über die Sache gewachsen, oder die Wölfe werden sie fressen", fügte er hinzu.
Snake schüttelte weiterhin fassungslos seinen Kopf.
"Wenn du jetzt noch weiter deine verdammte Birne schüttelst, reiße ich sie dir gleich ab und das war dann eindeutig Mord", brüllte Pitsch aufgebracht seinem Beifahrer entgegen.
Snake zuckte zusammen und bemühte sich, sein Kopfschütteln zu unterdrücken.
"Wir müssen den Boss anrufen, vielleicht findet er noch eine Lösung", sprach Pitsch in ruhigerem Tonfall weiter.
"Was soll ich ihm denn sagen?", fragte Snake, zog seine Handschuhe aus und warf sie wütend auf die Frontkonsole. "Das sein ganzer schöner Plan nicht funktioniert hat, daß wir mit dem Hubschrauber notlanden mussten, dann das Luftkissenboot, das uns abholen sollte, gesucht haben, und dabei einen Wagen gestohlen und ein Mädchen den Wölfen zum Fraß vorgeworfen haben? " Snake schüttelte erneut seinen Kopf, besann sich dann, nach einem weiteren wütenden Blick von Pitsch eines besseren und griff zögernd nach dem Telefon. "Also, was soll ich ihm nun sagen?", fragte er Pitsch.
"Weißt du was passiert, wenn Crazy Will jemandem einen Auftrag erteilt und dieser Auftrag nicht ausgeführt wird?"
Snake nickte kurz und unheilvolle Bilder rollten sich vor seinem geistigen Auge ab. Kopfüber vom Berg geworfen, mit Betonfüßen im Meer versenkt oder langsam seine Körperteile zu verlieren und das übrige Stück den Haien zum Fraß vorgeworfen, war nicht gerade ein erstrebenswerter Abgang.
"Ruf ihn jetzt an und erkläre ihm, was geschehen ist", sagte Pitsch, sichtlich erleichtert, daß er den Wagen lenkte und nicht die Aufgabe hatte, den Boss anzurufen. Snake wählte eine Nummer, hielt sich das Telefon ans Ohr und lauschte gespannt dem erwarteten, gnadenlosem Klingelton. "Der Empfang funktioniert hier wieder", raunte Snake dem Fahrer zu und horchte weiter gespannt auf das Klingelzeichen.
"Ja!", krächzte nun am anderen Ende eine rüde Stimme ins Telefon.
"Schneesturm." Snake gab mit dem Codewort sein Erkennungszeichen durch. Wie bezeichnend es doch in diesem Sinne war. Nach wenigen Sekunden Stille meldete sich eine andere Stimme, unverkennbar Crazy Will: "Ich weiß es ist übel Jungs, ihr habt diesmal keinen Mist gebaut. Wahrscheinlich friert ihr euch am Hubschrauber den Arsch ab. Das Fahrzeug hat Verzögerung. Loretta ist im Schneesturm stecken geblieben, aber auf dem Weg. Der Besuch muss um einige Stunden verschoben werden. Bleibt in Position!"
"Boss?", fragte Snake zögerlich ins Telefon. Er spürte trotz der Kälte wie im siedend heiß der Schweiß ausbrach. "Wir haben die Position verlassen, es gab dort keinen Telefonempfang", brachte Snake schließlich hervor. "Da das Fahrzeug nicht kam, wollten wir das Terrain sondieren und haben uns einen Wagen geliehen. Die Fahrerin haben wir im Wald verloren." Snake hörte Crazy Will ins Telefon schnaufen. Der Boss hatte seine Denkmaschine angeworfen und Snake konnte sie förmlich rattern hören.
"Das sind scheißverdammte, polerprobte Satellitentelefone", schnauzte die Sprachausgabe der Denkmaschine schließlich ins Telefon. "Wäre der Empfang nicht möglich, würden wir nicht miteinander sprechen. Sucht die Fahrerin, dazu habt ihr ja jetzt noch genügend Zeit und schafft eure verdammten ärsche wieder auf Position!" Damit war die Verbindung beendet.
Snake wischte sich den Schweiß aus der Stirn und grinste seinen Partner an: "Der Plan ist noch gar nicht angelaufen. Wir müssen zurück!" Er wiederholte für Pitsch die Instruktionen, die Crazy Will ihm gegeben hatte. Zuversichtlich, nun doch den Plan nicht zum Scheitern gebracht zu haben und damit nicht, eines wahrscheinlich überaus schmerzhaften, langsamen Todes, zu sterben, grinste Snake nun über das ganze Gesicht. Pitsch, dessen Wut mit Snakes Schilderung ebenfalls verflogen war, fand eine geeignete Stelle, an der die Schneeverwehungen auf der Straße eine gefahrlose Wendung erlaubten.
"Vielleicht lebt die Fahrerin noch", sagte Snake erleichtert. "Ich sagte doch, bei Mord hört es auf."
"Du hast ihm nicht gesagt, daß wir die Position nicht erreicht haben und daß wir notlanden mussten", sagte Pitsch nach einer Weile, in der er sich alles noch einmal durch den Kopf gingen ließ. Diesmal war Pitsch an der Reihe, den Kopf zu schütteln.
"Der Hubschrauber kann nicht weit vom dem vereinbarten Punkt entfernt sein. Die Strasse haben wir doch ohne Mühe gefunden ", sagte Snake zuversichtlich, in munterem Plauderton.
Pitsch grunzte nur weiter vor sich hin, sagte jedoch nichts mehr. Vermutlich weil er wusste, daß er das nicht verbockt hatte. Obschon vor einigen Stunden, ein Schneepflug die Massen beiseite geschoben hatte, glich nun die Strasse wieder einer endlosen, weiten ödnis, durch die sich der Wagen mühsam kämpfen musste. Ein vorrausschauender Planer hatte zu beiden Seiten des Weges lange Baumreihen pflanzen lassen, die jetzt in den Schneemassen, die einzigen Punkte zur Orientierung boten. Snake, den die lange, trostlose Fahrt langweilte, begann den Wagen zu untersuchen. Im Handschuhfach lagen nur ein paar Landkarten und eine ungeöffnete Schachtel Zigaretten. Aus dem Fußraum förderte er lediglich eine angebrochene Wasserflasche und eine halbleere Keksschachtel ans spärliche Innenraumlicht.
"Kein Wunder, daß sie so dünn ist", sagte er zu Pitsch und bot ihm einen Keks dar. Hinter dem Fahrersitz fand er ein paar Zeitschriften, ein paar vollgekritzelte Seiten und eine kleine Handtasche. Den Rest des Wagens würde er später inspizieren. Pitsch hatte das Steuerrad fest umklammert und saß mit steifem Oberkörper da, die Nase fast an die Frontscheibe gedrückt. Snake kramte in der Handtasche, zog eine Brieftasche hervor und studierte interessiert den Inhalt.
"Wie hieß sie denn?, fragte Pitsch.
"Sie heißt Praxeda Empress", antwortete Snake, nachdem er den Führerschein und die Papiere untersucht hatte.
"Glaubst du wirklich, daß wir sie bei dem Schnee noch finden werden?"
"Wenn wir sie finden, dürfte es danach wohl nicht schwer sein, etwas so Großes, wie einen verlorenen Hubschrauber wiederzufinden ", antwortete Snake.
"Wie sollen wir überhaupt nur die Stelle finden, an der wir sie ausgesetzt haben", fragte Pitsch, noch immer verbissen, mit zusammengekniffenen Augen konzentriert durch die Scheibe starrend.
"Wo du sie ausgesetzt hast, meintest du wohl?"Snake hatte wieder ganz die Oberhand gewonnen. Der gräuliche Gedanke, einen Plan von Crazy Will versaut zu haben, hatte ihn fast gelähmt und jetzt war er sich sicher, daß das Ganze doch noch reibungslos funktionieren würde. "Wenn du ein aufmerksamer Beobachter wärst, dann hättest du dir die Felsformationen an der Stelle eingeprägt. Es ist dein Glück, daß ich sie mir gemerkt habe", gab Snake überheblich von sich. "Ich verstehe nicht, warum du sie gleich umgeklascht hast", redete er weiter.
"Es war dein Plan, ein Auto anzuhalten und den Fahrer zu überwältigen", sagte Pitsch entrüstet.
"Ja, aber du hättest sie nicht unbedingt gleich k.o. schlagen sollen und sie auch noch auszusetzen." Snake begann wieder seinen Kopf zu schütteln, doch ein missmutiger Blick von Pitsch genügte, daß er sich wieder besann und damit aufhörte. "Wir hätten ihr unsere Marken zeigen sollen", sagte Snake ärgerlich. Verflucht! daß er daran nicht eher gedacht hatte! Er zog ein kleines Brieftaschenheftchen aus der Innentasche seines Anoraks hervor und schlug es auf. Eine funkelnde Marke spiegelte die Lichtreflexe des spärlichen Innenlichtes wieder und versprühte dabei ihren Glanz. Daneben prangte sein Ausweisfoto und grinste ihn, wie er jetzt fand, hämisch an.
"Der Boss hat gesagt, keine Zeugen!", sagte Pitsch. "Und wenn er sagt, daß er keine Zeugen will, wird es verdammt noch mal auch keine Zeugen geben!"
Snake verabscheute die Skrupellosigkeit seines Partners zutiefst. Pitsch, einer der willfährigen Laufburschen von Crazy Will, war stets bereit die Drecksarbeiten auszuführen. Snake verabscheute Gewalt in jeder Hinsicht. Seine Stärke war Planung und kühne Berechnung. Crazy Wills Plan hatte von vornherein seine Lücken und Mängel besessen. Es hatte Snake fast die Hand gekostet, Crazy Will darauf hinzuweisen. Der einzige Grund, warum Crazy Will ihn in diesem Fall beauftragt hatte war, daß er einen fähigen Piloten brauchte und keiner seiner Laufburschen es bis zum Pilotenschein gebracht hatte. Snakes einziger Grund, dem Boss den Gefallen zu tun, konnte er sich an seinen vier Fingern abzählen. Die endlos langen Baumreihen wechselten sich nun gegen steil aufragende Felsformationen. Bei dieser Geschwindigkeit würden sie in rund zwei Stunden wieder an ihrem Ausgangspunkt sein.

Stockard Darius saß nun schon seit einer geschlagenen Stunde an seinem Schreibtisch in seinem Londoner Apartment, hielt noch immer den Telefonhörer in der Hand und dachte angestrengt nach. Der untrügliche Schein, daß hier irgendetwas ganz entschieden nicht stimmte, hatte instinktiv seinen Argwohn geweckt. Er schenkte seiner Begleiterin, die sich aufreizend auf dem Bett räkelte und ihn immer wieder aufforderte, zu ihr zu kommen, keinerlei Beachtung mehr. Wenn er nur wüsste, was ihn misstrauisch gemacht hatte! Robbie schien es gut zu gehen, das einzig Ungewöhnliche war vermutlich, daß er danke gesagt hatte. In all den Jahren, die er jetzt für ihn arbeitete und in denen sie sogar Freunde geworden waren, hatte er angenommen, daß dieses Wort in Robbies Vokabular keinen Platz hatte. Doch nicht der Umstand, ein ungewöhnliches Wort gehört zu haben, erweckte seinen Argwohn. Natürlich hatte er gleich bei Robbies Verschwinden vermutet, wo er sich aufhielt. Ihm war die glänzende Idee gekommen, Robbie über die Feiertage eine hinreißende Abwechslung in die abgelegene Schneewüste zu schicken. Doch wieso war sie halb erfroren und noch dazu bewusstlos angekommen? Irgendetwas stimmte nicht! Darius konnte es förmlich riechen. über den Bildschirm seines Computers flackerten die ersten Informationen aus der Computerzentrale über die Frau, doch nennenswerte Ergebnisse waren noch nicht vorzuweisen.
Darius wählte schließlich die Nummer der Schweizer Modelagentur, die er beauftragt hatte. Seine Finger klopften ungeduldig über die Schreibtischplatte. Hin und wieder hatte er der exklusiven Begleitserviceagentur schon Aufträge erteilt und bisher waren alle Kunden zufrieden gewesen. Er hatte auch diesmal persönlich das Model ausgewählt und bisher stets den Geschmack des jeweiligen Kunden getroffen.
Eine freundliche Stimme meldete sich. "Willkommen bei Rosenblüte, was können wir für Sie tun?"
"Darius. Ich habe Ihnen heute morgen einen Auftrag erteilt!"
"Einen Moment bitte", sagte die Frauenstimme am anderen Ende des Telefons. Sie tuschelte mit jemanden im Raum und es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder meldete. "Mr. Darius, es tut uns unsagbar leid, Miss Loretta ist auf dem Weg im Schnee stecken geblieben. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie bei Ihnen ist."
"Sie brauchen Loretta nicht mehr zu bemühen", sagte Darius barsch. "Das hat sich erledigt."
"Oh, das tut mir leid, Sir", flötete die Stimme. "Leider haben wir im Augenblick keine Möglichkeit, bei Miss Loretta den Auftrag zu stornieren. Sie ist bereits auf dem Weg und das Autotelefon funktioniert nicht, bei dem Schneetreiben. Die einzige Möglichkeit ist, sie wieder fort zu schicken, wenn sie angekommen ist."
"Sie sollte am besten gar nicht erst ankommen oder klingeln! Das würde ernsthafte Folgen nach sich ziehen!", sagte Darius barsch.
"Machen Sie sich keine Sorgen!", flötete die Stimme fröhlich weiter. "Wenn sie bei Ihnen angekommen ist, heben Sie kurz die linke Hand und wedeln damit ein wenig, das ist das vereinbartes Zeichen für unsere Models, wenn ein Besuch nicht mehr angebracht ist. Miss Loretta wird es gleich verstehen und behaupten, sie hätte sich in der Adresse geirrt."
"Geben Sie mir ihre Autotelefonnummer", sagte Darius. "Ich werde mich selbst darum kümmern!" Sie nannte ihm die Nummer, und flötete ihren Text, mit der Aufforderung, bald wieder die Dienste von Rosenblüte in Anspruch zu nehmen hinterher, doch Darius hatte schon aufgelegt. Darius fasste sich immer kurz, das war eine seiner Stärken.

"Danke, das war ein köstliches Mahl."Praxeda lächelte Robbie hinreißend an und leckte sich die Finger ab. "Entschuldigen Sie bitte mein schlechtes Benehmen, gewöhnlich lecke ich mir nicht die Finger ab."
"Bei Pizza wäre es ein schlechtes Benehmen es nicht zu tun", sagte Robbie lachend und steckte schmatzend seine Finger nacheinander in den Mund.
Sie hatten beide zum Schluss mit den Fingern gegessen und trotz wölfischen Hungers, jeder kaum eine halbe Pizza geschafft.
"Vermutlich möchten Sie kein Eis zum Dessert?", fragte Robbie grinsend.
"Danke, nein, auf keinen Fall!"
Im stillen Einvernehmen räumten sie die Pizzareste auf die Küchenanrichte, vermutlich würden sie sich später über die Reste hermachen und gingen gemeinsam in das Bad, um sich die Hände zu waschen. Praxeda trocknete sich sorgsam die Hände ab, bedachte ihn im Spiegel mit einem Lächeln, nahm ihre Stiefel und schlenderte zurück in das Wohnzimmer. Robbie blieb vor dem Spiegel stehen, blickte sich tief in die Augen, setzte seine verschiedenen Verführerminen auf, strich sich über sein bartstoppeliges Kinn und beschloss sich sofort zu rasieren.
Im Spiegel bemerkte Robbie beim Rasieren, daß Praxeda ihr Kleid zum Trocknen über die Heizstäbe an der Wand gehängt hatte. Ein wenig neugierig hielt er nach ihrer Wäsche Ausschau, wurde aber enttäuscht. Nichts davon war zu entdecken. Sogar bei seinen Konzerten flogen manchmal Büstenhalter, Slips oder Strapse auf die Bühne und seine gelegentlichen Freundinnen hatten es immer eilig, ihre Wäsche mit Reizen zu präsentieren. Wieso hatte sie ihre Wäsche versteckt, wieso war sie so verlegen und wieso dachte er jetzt an Strapse? Zufrieden mit dem Ergebnis der Rasur, setzte Robbie eine charmante Miene auf, ging zurück ins Wohnzimmer und beschloss sie unverblümt zu fragen. Sie saß vor dem Kamin, hatte ihre Stiefel zum Trocknen davor gestellt und blickte ins Feuer.
"Praxeda, warum sind Sie so verlegen?"
"Bitte?"
"Ich hoffe Ihre Verlegenheit liegt nicht darin begründet, daß Sie denken, daß Sie hier nicht erwünscht wären." Sie schwieg und schaute Robbie, wie er fand, weiterhin verlegen an. "Gibt es denn jemanden der Sie erwartet", fragte er weiter. "Jemand der sich über Ihren Verbleib Sorgen macht. Freunde, Familie, Ihr Mann?"
Sie rückte nicht recht mit der Sprache heraus. "Im Augenblick nicht", sagte sie schließlich kopfschüttelnd.
"Wenn nur das Auto Ihnen Sorgen macht, es ist doch nur ein Auto!" Irgendwie schien es ihm, als wären ihre Augen größer und strahlender geworden. "Sicher finden wir hier auch noch irgend etwas passendes zum Anziehen für Sie", sprach er weiter. "Das ist eine Absteige für Musiker hier, doch um diese Jahreszeit traut sich niemand außer mir her! Sie sind lebendig und wenn Sie Ihre Tage ohnehin alleine in Ihrer Hütte verbringen wollten, ist es dann nicht einerlei, ob es die eine oder andere Hütte ist. Fühlen Sie sich hier wie zu Hause!" Er hockte sich neben sie und lauschte ihrem Schweigen
"Sie haben Recht", sagte sie schließlich. "Ich sollte froh sein, daß ich lebe und daß Sie mich willkommen heißen. Ich möchte Ihre Gastfreundschaft jedoch nicht überstrapazieren."
"Das können Sie gar nicht", sagte Robbie lachend. "Es sei denn, Sie verlangen von mir, noch einmal in die eiskalte Nacht hinauszugehen, das Tor wegzuräumen und mich mit Ihnen durch den Schneesturm bis zum nächsten Telefon oder bis zur nächsten Polizeistation durchzukämpfen und das dazu noch betrunken." Noch nicht betrunken genug, fügte er in Gedanken hinzu. Die Zufahrt auf der anderen Seite erwähnte er lieber nicht. Praxeda hatte bei seinen Worten zu lachen begonnen, doch schon im nächsten Augenblick sah sie wieder ernst aus.
"Ich möchte Sie auch nicht überstrapazieren, Sie müssen erschöpft sein", redete Robbie weiter. "Vermutlich möchten Sie schlafen?"
Sie schüttelte den Kopf: "Danke, im Augenblick nicht. Wenn Sie nichts dagegen haben, bleibe ich noch hier am Feuer sitzen." Verträumt blickte sie ins Feuer.
"Dann beruhigt es mich ja, daß Sie mich nicht für einen einschläfernden Gastgeber halten." Sie lachte.
Robbie holte noch Gläser mit Cognac, setzte sich wieder zu ihr an den Kamin und beide blickten schweigend in die Flammen.
"Wie eine Hütte sieht das hier nicht gerade aus!", sagte sie nach einiger Zeit. Sie hob ihr Glas und fügte feierlich hinzu: "Ich trinke auf den Mann, der mir in der Not Hilfe geleistet hat." Dann schüttete sie das Glas in einem Zug hinunter. Robbie tat es ihr gleich, stürzte den Cognac hinunter und warf das Glas mit einem Schwung in den Kamin, wo es scheppernd zerbrach. Einen Augenblick sah sie erschrocken aus, doch schon im nächsten erkannte sie den Schalk in seinen Augen. Er war sichtlich amüsiert.
"Das soll Glück bringen! Vermutlich stecken die Gangster sowieso im Schneesturm fest und die Polizei kann sie als Eisklumpen festnageln", erklärte er. Ein amüsiertes Grinsen huschte über ihr Gesicht.
"Womit wollten Sie sich ihre Zeit vertreiben, eingeschneit und allein?", fragte Robbie, tatsächlich neugierig, wie sie ihre Zeit zu verbringen vorgehabt hatte.
"Ich wollte ungestört arbeiten", sagte sie.
"Und das nennen Sie Erholung?"Irgend so ein Gedanke kam ihm doch heute auch schon einmal in den Sinn.
"Dann sind Sie Künstlerin?"
"Wie kommen Sie darauf?"
"Sagt mir mein Gefühl!"
"Ich wollte an einem Drehbuch für einen Film arbeiten", sagte sie. "Ich hoffe doch, daß meine Aufzeichnungen das Abenteuer überleben werden."
"Wenn nicht, dann haben Sie ja genug Stoff für ein neues Drehbuch", sagte Robbie. Irgendwie konnte er sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. "Möchten Sie, daß ich Ihnen das Haus zeige?", fragte er fröhlich. "Kommen Sie! Sie müssen Ihre Hütte doch kennen lernen!" Lachend zog er sie auf die Beine, sah einen Augenblick Schrecken in ihren Augen, dann Zutrauen darin. "Keine Sorge, ich hab Sie bestimmt nicht aus dem Schneesturm geholt, um über Sie her zu fallen!" Sie streifte endlich ihre Verlegenheit ab, steckte die Hände in die Hosentaschen und folgte ihm auf dem Rundgang. "Ich bin Musiker", redete er weiter. "Wo wollen Sie anfangen?"
"Wo Sie wollen."
"Das hier ist das Kaminzimmer", sagte er und breitete die Arme aus. Hörte er sich da etwa an, wie ein verdammter Makler?
"Ah!", sagte sie grinsend.
"Da ist die Küche."Robbie wies auf die Einbauschränke und die Arbeitsplatten, um die herum Hocker standen, direkt an das Kaminzimmer angeschlossen. "Hier finden Sie etwas zu essen und so!" Sie blickte ihn amüsiert an, als ob er ihr etwas Neues erzählte. "Ich zeige Ihnen den Wintergarten, der wird Ihnen gefallen." Sie gingen nach nebenan in ein weiteres Wohnzimmer, von dem aus man direkt in den Wintergarten und zum Pool gehen konnte.
Auch im Wintergarten waren ringsherum, riesige Fenster und alle Arten exotischer Pflanzen, von denen einige wunderschöne und farbenfrohe Blüten hatten.
Die hohe Decke zeigte einen Reigen von bunten Blumen und Vögeln, durchwoben von Laub und Schnörkelverzierungen. Die riesigen Fenster in der Decke waren vom Schnee verdeckt, so daß man den Eindruck hatte, in einer tropischen Waldlichtung oder in einer tropischen Grotte zu stehen.
Praxeda war in Betrachtung zahlreicher Blüten versunken. Robbie betrachtet sie aufmerksam.
Friedlich und schön stand sie da. "Ich fühle mich irgendwie seltsam", sagte sie nach einer Weile.
Robbie hatte von sich selbst den gleichen Eindruck, irgendwie hatte auch er ein seltsames Gefühl.
"Kommen Sie, ich zeige ihnen die Gästezimmer, die befinden sich oben."Robbie winkte ihr, ihm zu folgen. "Wenn Sie Fernsehen oder Video sehen wollen, das können Sie im Untergeschoss. Shining wollen Sie bestimmt nicht sehen!"
Sie grinste ihn an: "Nein, Danke, den Gedanken daran habe ich gerade abgeschüttelt."
Sie gingen weiter in die geräumige Halle, von der aus eine Treppe ins Obergeschoss führte. Ein großer Flur führte in verschiedene Räume, von denen jeder in verschiedenem, wenn gleichsam, modernem Stil eingerichtet war
"Sie können sich ein Zimmer aussuchen", sagte Robbie, nachdem er ihr alle Räume gezeigt hatte. "Im Bad, gleich nebenan, finden Sie alles, was sie brauchen." Er wies auf eine weitere Treppe am Ende des Ganges: "Mein Zimmer ist ein Stockwerk höher. Von dort hat man einen wundervollen Blick auf die Sterne. Jetzt sieht man vermutlich nur Schnee. Kommen Sie, wir schauen nach, ich bin schon ein paar Tage nicht mehr dort oben gewesen." Sie stiegen die Treppe hinauf und betraten das riesige, mitternachtsblau gestrichene Zimmer, in dem lediglich ein riesiges Bett unter einer gigantischen Glaskuppel prangte und ein paar Gitarren herumlagen. Der Blick auf den Sternenhimmel war durch den Schnee behindert. Bei diesem Schneesturm war vermutlich auch nicht ein Stern zu erkennen.
"Können wir vielleicht die Nachrichten sehen?", fragte sie nach einer Weile. Er nickte und überlegte, ob es ihr wohl unangenehm war, in seinem Schlafzimmer zu stehen und das riesige Bett anzustarren.
"Sie können auch hier schlafen", sagte er, wie um einen Sachverhalt aufzuklären. "Ich habe die letzten Nächte vor dem Kamin verbracht. Auf der Suche nach Inspirationen", fügte er erklärend hinzu.
"Und haben Sie Ihre Inspiration gefunden?"
"Ja", sagte er, nach einer Weile des Nachdenkens. "Ich habe sie nur noch nicht in Worte gefasst." Er führte sie in das Fernsehzimmer im Untergeschoss, schaltete ein Fernsehgerät ein und eine knallbunte Bilderflut ergoss sich in den ovalen, anthrazitfarbenen Raum.
Sie ließen sich in die schweren Fernsehsessel plumpsen und starrten beide auf den Flachbildschirmmonitor an der Wand.
"Oh man!", sagte Robbie, nach einer Weile. "Ich weiß schon, warum ich in den letzten Tagen darauf verzichtet habe." Eine grausige Bilderflut von Kriegsrandgebieten, Ölkatastrophen, drohenden Konflikten in aller Herren Länder und live Aufnahmen aus Krisengebieten, wollte gar nicht mehr abreißen und als schließlich ein fröhliches Jingle Bells, aus den Lautsprechern dröhnte, hatten sie beide genug davon und beschlossen einstimmig, das Fernsehen doch keine gute Idee war. Robbie zeigte ihr noch das Tonstudio, das sich direkt an das Fernsehzimmer anschloss und ein Blick in den Fitnessraum, in ein Meditationszimmer und die Bibliothek machten den Hausrundgang komplett.
Einen Raum hatte er allerdings ausgelassen - den Steuerungsraum.

Darius fasste, sofort nach seinem Anruf in der Schweiz, den Entschluss, selbst in die Computerzentrale zu gehen und herauszufinden, was zum Teufel hier los war. Praxeda und Loretta waren zwei verschiedene Frauen, soviel stand schon mal fest. Doch stand das wirklich fest? War Loretta doch eingetroffen und bewies soviel schauspielerisches Talent, daß sie einen richtigen Film abzog? Er beschloss die Agentur Rosenblüte genau unter die Lupe nehmen zu lassen. Darius griff zum Telefon, wählte eine Nummer und gab eine umfangreiche Bestellung in einem chinesischen Restaurant auf, bevor er mit dem Fahrstuhl ein Stockwerk tiefer, in die Computerzentrale fuhr.
Die drei Personen, die im dämmrigen Licht vor der riesigen Monitorwand saßen, blickten nicht auf, als Darius in den Raum marschierte. Kadda Neels saß zurückgelehnt auf seinem Computerstuhl, ein Headset über seinen Kopf gestülpt und fütterte den Computer über Spracheingabe. Malcolm Ray, der neben ihm saß, nickte freundlich, als er Darius bemerkte, grinste und wandte sich gleich wieder den Bildschirmen, auf der Arbeitsplatte vor ihm, zu. über alle Monitore flackerten Daten in rasender Geschwindigkeit. Shona Fox saß mit dem Rücken zur Tür, blickte immer noch konzentriert abwechselnd auf die Monitorwand und auf die Bildschirme an ihrer Konsole und rieb sich mit einer Hand den Nacken.
"Stockard!", rief sie fröhlich aus, noch ehe sie sich auf ihrem Drehstuhl herumgedreht hatte und ihn strahlend anlächelte. "Frohe Weihnachten!", trällerte sie hinterher und wandte sich wieder den Monitorbildern zu.
Shona war die Einzige, die Darius mit dem Vornamen anredete und Robbie, im Gegensatz zu allen anderen, stets Winterblum nannte. Darius setzte sich neben sie, in einen bequemen Computersessel und griff nach einigen Seiten, welche die Drucker ununterbrochen, summend ausspuckten.
"Was möchten Sie zuerst wissen", fragte Shona grinsend. "Ihre Schuh- oder ihre Körbchengröße?"Sie drehte sich auf ihrem Computerstuhl herum und blickte ihn erwartungsvoll an.
"Gehen Sie denn niemals nach Hause, Shona?", fragte Darius. "Ich wette Sie haben noch nicht einmal etwas gegessen und die zwei Jungs dort auch noch nicht." Shona schüttelte den Kopf.
"Wenigstens haben Sie gemerkt, daß heute Weihnachten ist! Darf ich Sie zum Essen einladen", fragte Darius. "Wie steht es damit?" Sie hatte bisher jede seiner Einladungen abgelehnt und auch diesmal schüttelte sie sofort energisch den Kopf. "Sie haben mir schon so viele Körbe gegeben, daß ich damit schon Handel treiben kann", sagte Darius mit gespielter Bitterkeit. "Sie sind viel zu schön, um hier vor den Computern zu versauern und sich die Nächte um die Ohren zu schlagen."
"Verschwenden Sie Ihren Charme nicht an mich", erwiderte Shona lachend. "Ich bin immun und außerdem sind Sie heilfroh, daß wir heute Abend hier sind." Sie rief ein Schreibprogramm auf, ihre Finger flogen über die Tastatur und zu Darius Verblüffung schickte sie Kadda ein E-Mail: "Essen in 10 Minuten."
"Woher wissen sie das?"Darius blickte sie erstaunt an. "Und warum schicken sie Kadda ein E-Mail?", fragte er weiter. "Sie brauchen es ihm doch nur zu sagen."
"Sie würden hier nicht auftauchen, wenn Sie nicht etwas ganz genau wissen wollen. daß Sie mich gefragt haben, ob ich mit Ihnen essen gehe, weist darauf hin, daß das Problem größer, als von Ihnen angenommen, ist und daß gleich etwas zu Essen geliefert wird, weil Sie vermuten, daß es die ganze Nacht dauern wird und Kadda würde, auch wenn wir hier jetzt laut schmatzend essen würden, nichts von alldem mitbekommen, solange er das nicht auf dem Bildschirm gelesen hat."
"Sie verblüffen mich immer wieder, Shona", sagte Darius. "Sie wissen, bevor Sie sich umdrehen, daß ich hinter Ihnen stehe, wissen von Problemen, wo ich bisher nur eine Ahnung habe."
"Daß Sie das sind habe ich an Malcolms Grinsen gesehen", erwiderte sie lachend. "Um wenigstens den Schleier eines Geheimnisses zu lüften."
Darius blickte sie immer noch fragend an: "Und wie haben Sie Malcolms Grinsen gesehen, wenn Sie mit dem Rücken zu ihm saßen?"
Shona wies grinsend auf den Monitor. Als er immer noch nicht verstand und fragend auf den Monitor blickte, in der Hoffnung ein Videobild zu sehen, fügte sie lachend hinzu: "In der Spiegelung auf dem Monitorbild!"
Darius blickte auf die Spiegelung im Monitorbild und sah im nächsten Augenblick seine vergessene Freundin, spärlich gekleidet, mit einem Servierwagen, auf dem die angerichteten Speisen standen, durch die Tür schreiten. Vermutlich waren genau 10 Minuten vergangen, denn Kadda sprang aus seinem Computersessel auf, bedachte die aufreizende Cynthia mit einem Lächeln und nickte Darius zu: "N'Abend Darius."
Sie setzten sich alle gemeinsam an den Konferenztisch, an dem sie allerdings öfter aßen, als zu konferieren und ließen sich die köstlichen Speisen schmecken. Die drei Computerspezialisten hatten es sich, nachdem Kadda eine Studie vorlegte, die besagte, daß geistige Kapazitäten während der Nahrungsaufnahme schrumpfen, abgewöhnt, futternd vor dem Computer fett zu werden. Kadda schielte immer wieder zu Cynthia hinüber.
"Also, Stockard", sagte Shona, nachdem alle mit dem Essen fertig waren. Cynthia strafte sie dafür mit einem missbilligendem Blick. Shona sprach unbeirrt weiter: "Um 16.46 Uhr wurde auf dem Anwesen, in dem Winterblum sich befindet, Alarm ausgelöst. Um 16.59 Uhr wurde der Alarm durch eine authentifizierte Person, durch die Codenummer als Winterblum identifiziert, abgeschaltet. Der Alarm wurde nicht wieder aktiviert. Um 17.04 Uhr erhielten Sie einen Anruf von Winterblum, in dem er fragte, wie man jemanden auftaut, der fast erfroren ist. Sie riefen uns an und baten um die Daten. 22 Minuten später erhielten Sie einen weiteren Anruf von Winterblum, indem er Ihnen den Namen der Frau gab, die bewusstlos vor seiner Tür gelegen hatte und Ihnen sagte, daß er die Telefonverbindung unterbricht. Seither hat er sich nicht gemeldet und geht nicht mehr ans Telefon. Die Faxverbindung steht allerdings noch."
Kadda reichte Darius einen Stapel Papiere, die er vom Drucker geholt hatte: "Hier sind alle Daten über die Frau, die wir finden konnten. Praxeda Empress, 30. Alles von Lebenslauf, Beruf, bis zu Sozialversicherungsnummer, Kontostand, Kreditkarten- und Telefonnummern."
Malcolm, nahm das Wort auf, wo Kadda gestoppt hatte: "Offensichtlich nicht verwickelt in kriminelle oder sonstige subversive Tätigkeiten!"
Als Shona jetzt zu sprechen anfing, hatte Darius den unheimlichen Eindruck er begegne einer Trinität mit drei Stimmen: "Jetzt kommen wir zur delikateren Angelegenheit. Ihr Auftrag für Rosenblüte. Darius fragte nicht, woher sie davon wusste, war aber keineswegs überrascht und blickte Shona erwartungsvoll an.
"Dieser Laden stinkt zum Himmel. Wir wären nicht darauf gekommen, wenn wir nicht in diesem Zusammenhang nach kriminellen Machenschaften oder Aktivitäten gesucht hätten", Shona legte ihre Hand in den Nacken, was wohl ein Zeichen für Malcolm war, weiterzusprechen.
"Erinnern Sie sich an die Entführung von Dasgar Rago?", fragte Malcolm. "Damals hatten wir zwei Tage vor seiner Entführung einen Auftrag für Rosenblüten. Sie sollten seinen Aufenthalt in der Schweiz versüßen", sprach Kadda weiter.
"Jetzt kommt der Clou", ergriff Shona das Wort. "Miss Loretta Diamond, ein Künstlername, heißt in Wirklichkeit Vanessa Praxton!" Aufgeregt schaute sie Darius an, als erwartete sie eine Reaktion von ihm. Darius fiel kein Zusammenhang ein, bis ihn Cynthia, die haltlos die Wörter aussprudelte, verblüffte.
"Sie ist die Tochter von Crazy Will Praxton?", Cynthias Stimme überschlug sich fast. "Und die hast du zu Robbie geschickt?" Cynthia blickte Darius vorwurfsvoll an: "Na, dann Happy Christmas!"

Als Praxeda und Robbie wieder an ihrem Ausgangspunkt im Kaminzimmer angelangt waren, fiel Robbie wieder die beheizte Sauna ein.
"Ich wollte noch ein Saunabad nehmen", erklärte er in harmlosen Tonfall. "Ihnen würde es sicher auch gut tun. Sie werden sehen, Sie werden sich danach wie ein neuer Mensch fühlen."
Sie zögerte erst, schien zu überlegen und folgte ihm dann doch bereitwillig in ein weiteres Badezimmer, neben dem Pool, in dem die Sauna stand. Robbie wies auf die Bademäntel und Saunatücher, schnappte sich ein Handtuch und erklärte, er werde sich am Pool umziehen und warten, bis sie fertig sei. Als sie sich schließlich in der wohligen Wärme auf den Bänken räkelten, waren beide in ihre Gedanken versunken.
"Was für ein Drehbuch schreiben Sie denn?", fragte Robbie nach einiger Zeit, ohne die Augen zu öffnen. Der Schweiß strömte aus allen Poren und die wohlige Hitze räumte auch das letzte Zittern aus.
"Der Auftraggeber möchte eine Krimikomödie", murmelte Praxeda, mit geschlossenen Augen, ganz entspannt auf der Saunabank liegend. "Auch die Romantik sollte dabei nicht zu kurz kommen."
"Haben Sie schon eine Idee?", fragte er weiter.
"Oh ja, gewiss", sagte sie, drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf und blickte ihn mit strahlenden Augen an.
"Ideen habe ich immer mehr, als ich verarbeiten kann. Das Problem ist manchmal, die Worte aneinander zu reihen."
"Das ist in der Musik auch nicht anders", erwiderte Robbie und drehte sich ebenfalls auf die Seite, um sie anzublicken. "Die Töne, sind ebenso wie die Worte schon alle da, die Kunst ist es, sie aneinander zu reihen."
"Da haben Sie wohl recht."
"Haben sie schon erfolgreich ein Drehbuch verkauft?", fragte er weiter.
Sie nickte: "Ja. Die roten Kleider."
"Ist das verfilmt worden?" Sie nickte erneut: "Ja, dann hieß es allerdings: Muse gesucht."
"Worum geht es in dem Film?"
"Die griechischen Göttinnen langweilen sich, blicken durch ihren Spiegel auf die Menschheit und wollen ein paar Späße machen. Also verzaubern sie Kleider mit Wirkzaubern, die über eine Fashion-Agentur an die Frau gebracht werden. Eris, die Göttin der Zwietracht, setzt noch, ohne daß eine andere Göttin es bemerkt, zum Schluss eine Applikation, eine schwarze Kralle, der Zwietracht hinzu. Die Kleider werden natürlich gekauft und der Film zeigt, wie es den Frauen ergeht."
"Ich erinnere mich an den Film", sagte Robbie und lachte, als ihm eine Szenen des Films in Erinnerung kamen. Er hatte den Film zum Schreien komisch gefunden. "Kompliment, eine tolle Story. Ich habe den Typen echt bedauert, der sich als Agent ausgegeben hatte und sein Feuerpferdchen verpasste, weil die Frau seines Freundes dachte, ihr Mann sei fremdgegangen."
"So detailliert können Sie sich daran erinnern?", fragte sie erstaunt. Verblüffung spiegelte sich in ihrem Gesicht.
"Ja, aber auch nur, weil ich mir gewünscht habe, daß mir mal so etwas wiederfährt."
Sie schwiegen beide eine Weile, bis Praxeda das Gespräch wieder aufnahm.
"Und Sie? Sind Sie erfolgreich?"
"Ja, ich bin zufrieden."
"Was für eine Art von Musik machen Sie denn?" Robbie blickte sie überrascht an. Entweder wusste sie wirklich nicht, wer er war, oder sie war eine so gute Schauspielerin, daß er ihre Täuschung nicht bemerkte. Der überraschte Blick hatte sie irritiert. "Oder kann man Ihre Musik nicht in eine herkömmliche Musikrichtung einordnen?", fragte sie weiter.
Robbie kam zu dem Entschluss, daß er ihr wirklich unbekannt war und setzte ein charmantes Grinsen auf: "Doch, Rock, etwas Soul, Musik aus dem Herzen, Musik die Gefühle umschreibt!"
"Ah!", sagte sie, als ob sie das verstanden hätte und legte sich wieder mit geschlossenen Augen zurück. "Sie hatten Recht, die Sauna verbannt wirklich den letzten Rest der Kälte."
Sie dösten eine Weile weiter. Der Schweiß rann in Strömen, doch keiner der beiden wollte jetzt schon die wohltuende Hitze der Sauna verlassen.
Robbie schossen seltsame, farbenfrohe Gedanken durch den Kopf. "Haben Sie vielleicht seltsame Gedanken?", sprach er Praxeda an.
"Das kann man wohl sagen!", antwortete sie, öffnete die Augen und grinste. "Ich dachte gerade, ob die Erde so etwas wie ein spezifisches Gewicht hat und ob wir dieses, ich meine, wenn wir alles Mögliche in den Weltraum schießen und wir soviel abholzen, verbrennen und verheizen, ob sich dieses spezifische Gewicht nicht ändert und damit die Erde ihre Umlaufbahn innerhalb des Universums ändert, und damit die aller anderen Planeten?"
"In der Tat, ein komplexer Gedanke. Haben Sie öfter solche Gedanken?"
Sie schien angestrengt nachzudenken, schüttelte schließlich den Kopf: "Ich weiß es nicht! Woran haben Sie denn gedacht, als Sie mich fragten, ob ich seltsame Gedanken habe?"
Robbie zuckte die Schultern und wandte sich, jetzt selbst ein wenig verlegen ab.
"Ach, kommen sie schon!", sagte Praxeda lachend. "Ich habe ihnen gerade meinen tiefsten Gedanken verraten!" Robbie druckste und vermied es sie anzusehen: "Ich dachte an Wasser. Wasser in verschiedenen Aggregatszuständen, Wassermoleküle, Wassertropfen, Eiskristalle, Dampf, Schweiß."Robbie blickte zur Decke und sprach weiter: "Ich dachte, wenn aus unseren Poren der Schweiß heraustritt und sich mit den Molekülteilchen der Luftfeuchtigkeit verbindet, die sich wieder als Tröpfchen auf unserer Haut niederschlagen, dann ist es doch im Grunde ein viel intimerer Kontakt, als er selbst im Beischlaf möglich ist."
"Das ist ja ein nicht minder komplexer Gedanke", sagte Praxeda, noch immer grinsend. "Vielleicht sollten Sie das nächste Mal mit Ihrer Freundin in die Sauna gehen!"
"Wenn ich eine Freundin hätte, meinen Sie nicht, sie würde Weihnachten bei mir verbringen?"
"Weihnachten scheint Ihnen nicht sehr wichtig zu sein!", sagte sie schelmisch. "Ich habe hier keinen einzigen Tannenzweig, keinen Baum oder Weihnachtsschmuck gesehen!"
Daß er den Weihnachtskranz, den die Frau des Hausverwalters auf den Küchentresen gestellt hatte, gleich weggeworfen hatte, verriet er ihr nicht. Vielleicht sollte er ihn einfach wieder aus dem Mülleimer fischen.
"Warum haben Sie keine Freundin?", fragte sie weiter. "Wenn Ihnen diese Frage nicht zu intim ist."
Er wollte schon Antworten, weil die meisten Frauen entweder sein Geld oder seinen Ruhm wollen und er an populären, oberflächlichen und unaufrichtigen Beziehungen nicht interessiert sei, stattdessen hörte er sich sagen: "Hat sich noch nicht ergeben."
Wieder gaben sich beide wortlos der Hitze hin.
"Ich muss hier jetzt rausgehen", sagte Praxeda nach einiger Zeit und setzte sich auf. "Hätte nicht gedacht, daß ich heute noch mal sagen kann, mir ist heiß."
"Ich warte", bot Robbie an. "Dann können Sie noch einmal in den Pool springen und eine Dusche nehmen!"
Praxeda raffte ihr Saunahandtuch zurecht, nickte ihm noch einmal lächelnd zu und ging hinaus. Robbie ließ sich grinsend und entspannt zurück auf die Saunabank sinken, dachte in unzählige, verschiedene Richtungen, überdachte den heutigen Abend. Er räkelte und streckte sich, gähnte herzhaft - und das Gähnen blieb ihm fast im Halse stecken. Ihn durchfuhr ein Gedanke, wie ein Eiszapfen und er richtete sein ganzes Augenmerk darauf. Die schreckliche Ahnung, die er seit Sekunden hatte, schienen sich durch die Fluktuationen des Lichtes, die er gerade sah, zu bestätigen. Er musste es ihr unverzüglich sagen! Seine Hände umklammerten die Saunabank, als ob er Halt suchte, er schritt aus der Sauna, sprang in den Pool und wappnete seine Gedanken. Er trocknete sich schnell ab, streifte seine Kleider über und hielt nach Praxeda Ausschau. Sie stand in einem Bademantel vor dem Kühlschrank, trank Wasser aus einer Flasche und rieb sich mit der anderen Hand ihr nasses Haar trocken. Sie lächelte ihn strahlend an, als er näher kam. Panic and fear, paralyse your brain, schoss ihm durch den Kopf. Er wollte schon zu Sprechen anfangen, doch sie kam ihm zuvor und plapperte munter darauf los: "Sie meinten, hier sei bestimmt noch etwas passendes für mich zum Anziehen." Er nickte.
"Oben?", fragte sie weiter.
"Ja, sehen Sie in den Schränken, in den Gästezimmern, nach!"
Sie eilte nach oben und kam erst nach einiger Zeit, die ihm unermesslich lange vorkam, bekleidet mit einer Jeans und einer Bluse, über die sie, trotz der Wärme in dem Haus, einen passenden Pullover gezogen hatte, wieder herunter.
"Jetzt fühle ich mich tatsächlich wie ein neuer Mensch", sagte sie erleichtert und ließ sich neben Robbie, der am Kamin Platz genommen hatte und nachdenklich aus einer Wasserflasche trank, auf die Teppiche sinken.
"Möchten Sie jetzt eine Zigarette?", fragte er Praxeda nach einer Weile. Sie schüttelte den Kopf.
"Sie sollten sich lieber doch eine anstecken", sagte er ernst zu ihr, kramte die Zigaretten hervor und reichte ihr eine.
"Ist etwas geschehen?", fragte sie, nachdem sie die Zigarette genommen, ihn angesehen hatte und befand, daß er auf einmal einen merkwürdig ernsten und undurchdringlichen Blick hatte.
Er sah sie weiterhin ernst an, reichte ihr Feuer und nickte: "Praxeda, ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht."
"Dann kann ich nur hoffen, das Ihr schrecklicher Fehler nicht gerade war, das Sie mich aus dem Schneesturm geholt haben", erwiderte sie sogleich.
"Nein, bewahre", sagte er. "Das hat mit Ihnen nichts zu tun. Das heißt jetzt wohl schon."
"Sie machen mich neugierig, welchen schrecklichen Fehler können Sie sonst noch begangen haben?", fragte sie verschmitzt.
"Praxeda." Sie sog an ihrer Zigarette und sah ihn erwartungsvoll an.
"Die Pilze!" Praxeda sah ihn verständnislos an: "Welche Pilze?"
"Die Pilze auf der Pizza."
"Die waren vorzüglich", sagte sie. "Was sollte damit sein?"
Er blickte sie schwermütig an, seufzte inbrünstig und sagte: "Das waren vermutlich Magic Mushrooms!"
Einen Augenblick lang sah sie so aus, als ob sie lieber an jedem anderen Ort, als hier, sein wollte. Praxeda starrte ihn aus großen Augen an: "Meinen Sie damit, die Art von Pilzen, die Medizinmänner bei ihren religiösen Ritualen einnehmen und dann mit Geistern, oder was auch immer, in Kontakt treten?"
"Ich glaube, so etwas in der Art meinte ich schon!" Robbie war über sich selbst erstaunt, daß er das so ruhig über die Lippen brachte.
"Und die haben Sie auf die Pizza getan?", fragte sie entsetzt.
"Nein! Natürlich nicht. Ich meine ja, aber nicht wissentlich", stammelte Robbie sich zurecht.
"Wie kommen Sie überhaupt darauf, daß die Pilze, ich meine, daß es solche Pilze waren?" Sie blickte ihn gespannt an.
Er sprang auf, hastete in die Küche, riss einen Schrank auf und zog ein Tütchen daraus hervor, welches er ihr dann reichte.
"Hier steht lediglich: Getrocknete Pilze drauf", sagte sie, nachdem sie das Tütchen eingehend studiert hatte. "Wie kommen Sie darauf, das dieses hier Magic Mushrooms sein könnten?"
"Als ich vorhin nach Zigaretten gesucht habe, fand ich dieses Kästchen in einem Gästezimmer." Robbie wies auf das Kästchen, welches er auf den flachen Couchtisch abgestellt hatte. "Ich dachte wir könnten vielleicht etwas zur Entspannung rauchen! Na ja, darin sind auch einige Tütchen von irgendwelchen anderen Sachen. Warten Sie." Er holte das Kästchen vom Couchtisch, holte daraus kleine Zellophanbeutel hervor und reichte sie ihr. Magic Mushrooms, stand auf einer Tüte zu lesen.
Praxeda blickte ihn fragend an: "Sie meinen, das sind die gleichen, wie die aus der Küche?"
Robbie nickte schweigend.
"Meinen Sie, wir müssen uns Sorgen um unsere Gesundheit machen? Ich meine, wenn es denn tatsächlich die gleichen Pilze sein sollten." Sie hatte die Zellophanbeutel aufgemacht und legte einige Pilze nebeneinander, um sie zu vergleichen.
Robbie zuckte mit den Schultern: "Ich habe keine Ahnung, wie die sich überhaupt auswirken, oder ob wir uns Sorgen um unsere Gesundheit machen sollten."
"Ich glaube Sie haben recht", sagte Praxeda sachlich und hielt sich die Pilze nahe vor die Augen. "Die Dinger sehen verdammt gleich aus!" Robbies Gedanken rasten. Sollte er Darius anrufen? Der würde sicher alle Hebel in Bewegung setzen und gleich einen Notarztwagen losschicken. Damit wäre seine Lüge vom kaputten Telefon aufgedeckt und das Abenteuergefühl auch gleich beendet. Hatte er sie erst dem Schneesturm entrissen, damit er ihr einen tödlichen Pilzcocktail einverleibt? Schlagzeilen rasten vor seinem inneren Auge: Rockstar tötet sich mit Geliebter in Schneehölle. War es Selbstmord? Rockstar von Autorin ermordet, aus Verzweiflung nahm sie sich das Leben. - Kein Mensch würde auch nur eine Sekunde glauben, daß er die Pizza gemacht hatte!
Praxeda inspizierte inzwischen den Inhalt des Kästchens und kramte schließlich einen Zettel daraus hervor. Bevor sie las was darauf stand, fiel ihr Blick auf Robbie, der sie beobachtete und fragend blickte sie ihn an. Die Schlagzeilen standen ihm für einen Augenblick im Gesicht geschrieben.
"Fühlen Sie sich denn schlecht?", fragte sie, ihn ganz aus seinen Gedanken reißend.
"Bitte?"
"Ich fragte, ob Sie sich denn schlecht fühlen?"
Er dachte einen Augenblick nach und grinste: "Ich glaube nicht, außer vielleicht, daß ich mein dämliches Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekomme."
Praxeda blickte ihn eine Weile an, wedelte mit dem Zettel vor ihrem Gesicht, als wenn ihr heiß wäre und sie sich kalte Luft zufächern müsste. Sie wandte sich schließlich wieder dem Zettel zu, studierte den Inhalt und fing schallend an zu lachen. Hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Robbie wurde von ihrem Lachen angesteckt, schnappte kichernd nach dem Zettel aus ihrer Hand und las, was darauf stand:
Nur keine Panik!

Pitsch und Snake schnauften vor Anstrengung, als sie gerade die letzten Reste der äste, die unter den Schneemassen abgebrochen waren, von der Straße räumten.
"Wenn ich gewusst hätte, wie verrückt dieser Plan von Crazy Will ist, in dieser Gegend und in dieser schrecklichen Nacht, diesen Schnulzensänger zu kidnappen, hätte ich den Auftrag gar nicht angenommen!", grunzte Pitsch unter der schweren Last der zerbrochenen Zweige, die er an den Straßenrand schleppte.
"Deswegen heißt er ja wohl auch Crazy Will!", gab Snake verächtlich zurück. "Was hättest du ihm denn gesagt? Tut mir leid Boss, ich möchte keine kalten Füße kriegen? Die kriegst du dann erst recht!"
Pitsch zuckte die Schultern und hatte, trotz seiner sonstigen Skrupellosigkeit, einen Augenblick den Ausdruck eines ertappten Schulkindes im Gesicht. "Ich hoffe nur, die verdammte Karre lässt uns nicht im Stich", grunzte Pitsch weiter, die letzten kleinen äste im hohen Bogen an den Straßenrand schleudernd. "Irgendetwas brummt ganz merkwürdig."
"Das dürfte wohl das geringste unserer Probleme sein."Snake kletterte wieder auf den Beifahrersitz, so daß Pitsch nur blieb, wieder auf dem Fahrersitz Platz zu nehmen. "Das ist ein schwedisches Auto", lamentierte Snake weiter, streifte seine Handschuhe wieder ab und warf sie auf die Konsole. "Die Dinger sind dafür gebaut, daß sie sich durch Schnee und Eis kämpfen!"
"Was glaubst du, wie weit es noch ist", fragte Pitsch, legte den Gang ein und fuhr im Schritttempo weiter.
Snake sah auf seine Uhr und schätzte, daß sie in gut einer halben Stunde endlich wieder die Stelle erreichen würden, an der sie das Auto gestohlen und die Fahrerin ausgesetzt hatten. "Gleich", sagte er knapp zu Pitsch, um weiterhin den Anschein zu geben, er hätte sich die Felsformation tatsächlich eingeprägt.
Pitsch grunzte weiter vor sich hin: "Ich hab einen Scheißhunger! Wenn ich gewusst hätte, daß diese Aktion den ganzen Tag dauert, hätte ich mir einen Picknickkorb mitgebracht! Dazu ist auch noch Weihnachten!" Die letzten Worte hatten fast traurig geklungen. Snake lehnte sich vornüber, blickte gespannt auf die Felsen, als ob sie in dem Schneegestöber überhaupt zu erkennen wären und gab Pitsch noch einen der übrigen Kekse.
"Ich schätze Mal, sie wird die Straße zurückgegangen sein. Ich meine in die Richtung aus der sie kam", sagte Snake. "Wir sind vom Hubschrauber aus etwa eine Stunde bis zur Landstrasse marschiert, das müsste in etwa die gleiche Richtung sein."
Pitsch, der schon am Anfang die Orientierung verloren hatte, nickte zustimmend. Beide hingen schweigend ihren Gedanken nach, bis Snake, Pitsch andeutete, anzuhalten. Er stieg aus, studierte die Umgebung und bemerkte zu seiner Erleichterung, daß er zumindest schon eine bekannte Stelle entdeckt hatte. Hier mündete der Weg einer Feriensiedlung und die Hauptzufahrt zum van Winterblumschen Anwesen, in die Landstrasse. Er stieg wieder in den Wagen, zog die Umgebungskarte aus seiner Tasche, studierte sie und wies Pitsch an, weiter zu fahren.
"Etwa eine halbe Meile von hier, finden wir die Stelle, an der wir das Auto genommen haben", sagte er zu Pitsch und erntete dafür einen anerkennenden Blick. "Die andere Zufahrt zum Anwesen kann davon nicht weit entfernt sein."
"Vielleicht ist sie ja zum Anwesen gegangen", erklärte Pitsch.
Snake verzog spöttisch seine Augenbrauen: "Sie wird eher auf der Straße geblieben sein."
"Ja, aber", begann Pitsch erneut.
"Was aber?", fauchte Snake zurück.
"Wie hätte sie denn die Straße finden sollen, wir haben sie doch in den Wald gelegt!", sprach Pitsch weiter. "Ich meine, sie hatte doch keinen Anhaltspunkt, in welche Richtung sie gehen sollte. Wenn sie überhaupt noch gegangen ist."
Snake hatte zwar meistens den Eindruck, daß Pitsch nicht gerade der hellste Kopf war, doch in diesem Punkt hatte er eindeutig recht.
"Dann ist es ja noch einfacher."Snake grinste: "Dann sehen wir dort zuerst nach!"
"Und wenn sie doch weitergegangen ist", Pitsch bohrte weiter. "Bei dem Schneesturm werden wir wohl kaum ihre Fährte finden."
"Dann suchen wir zuerst den verdammten Helikopter und wenn wir sie dabei zufällig finden, soll es mir nur recht sein.

"Wenn wir nur die reinen Hypothesen beurteilen, muss es noch gar nichts bedeuten", begann Kadda nach einigen Sekunden des Schweigens. "Wir haben viele zweifelhafte, absurde und notwendige Hypothesen. Um eine vernünftige Hypothese aufzustellen, brauchen wir nur den Irrtum und die Zweifelhaftigkeit auszuschalten und werden mit aller Wahrscheinlichkeit Gewissheit über die Evidenz erhalten.."
"Oh, man", sagte Cynthia. "Kann mir das mal einer übersetzten?"
"Wir sollen uns auf die Fakten besinnen", sagte Shona knapp "Alles andere ist nur Hirngespinst."
Darius der während der Ausführung schweigend gelauscht hatte, blickte in die Runde, als suche er die Antwort auf eine Frage, die er noch gar nicht gestellt hatte.
"Wie lautet denn dann die unmittelbare, einleuchtende Wahrheit", fragte er schließlich.
"Wenn wir die Fakten betrachten, gibt es natürlich verschiedene Möglichkeiten", begann Shona. "Fakt ist, eine Praxeda Empress ist gestern Abend aus den Vereinigten Staaten nach Paris geflogen, hielt sich dort bis heute früh auf und kam heute morgen in der Schweiz an. Dort hat sie seit einer Woche eine Reservierung für ein Ferienhaus. Sie mietete heute morgen einen Leihwagen, mit dem sie um 9.00 Uhr losgefahren ist."
"Ihr letztes Telefonat führte sie um 14.03 Uhr", sprach Malcolm weiter. "Dann hat sie ihr Mobiltelefon deaktiviert."
"Das Fahrzeug hat ein Global Positioning System für computergesteuerte Navigation, kurz GPS genannt, und ein dazugehöriges Autotelefon, das ebenfalls deaktiviert ist. Es sollte eigentlich nicht schwer zu orten sein", übernahm Kadda das Wort. "In wenigen Augenblicken dürften wir Zugriff auf die Daten haben."
"Jetzt gibt es natürlich mehrere Möglichkeiten, was ihre Person angeht", ergriff Shona das Wort. "Ist sie die echte Praxeda Empress und durch irgendeinen Umstand dort hin gelang, was rein zufällig mit Ihrem Auftrag zusammen fällt?"Sie blickte bei diesen Worten den Manager an.
"Gehört sie vielleicht zu einem Entführungskomplott, daß sich gesponnen hat, als ich Rosenblüte beauftragt habe?", fragte Darius in die Runde. "Um kurz nach sechs rief ich bei der Agentur an und mir wurde gesagt, es täte ihnen unsagbar leid, daß Loretta noch nicht angekommen ist und niemand könne sie im Augenblick erreichen, sie wäre im Schnee stecken geblieben."
"Sind Praxeda und Loretta vielleicht ein und dieselbe Frau?", fragte Cynthia, um dem Gespräch etwas beizusteuern.
"Das werden wir herausfinden", erwiderte Shona. Sie schaute Darius aufmerksam an und fragte schelmisch: "Wenn Loretta nicht zu erreichen ist, wie konnte dann Rosenblüte wissen, daß sie noch nicht angekommen ist?"
Darius schüttelte über sich selbst den Kopf, daß ihm diese augenscheinliche Lüge nicht ins Auge gesprungen war. "Also, was können wir tun?, fragte er in den Raum. "Müssen wir damit rechnen, daß Robbie entführt wird, oder schon entführt wurde?"
"Wir haben einen Rechner so programmiert, daß er kontinuierlich versucht, Lorettas, Praxedas und Robbies Anschluss anzurufen. Die Autotelefone werden ebenfalls ständig angewählt", erklärte Malcolm dem zunehmend aufgeregtem Manager.
"Das Ungewöhnliche ist, daß William Praxton gewöhnlich nicht mit Dilettanten arbeitet, die an der Rezeption, ihren richtigen Namen nennen. Er verfügt über ausgezeichnete Beziehungen", erklärte Malcolm
"Um 18.20 Uhr haben wir unsere Sicherheitsleute beauftragt, auf dem Anwesen nach dem Rechten zu sehen. Bisher haben sie sich nicht gemeldet", sagte Shona.
"Der Hausverwalter ist bisher auch nicht zu erreichen", fügte Malcolm hinzu.
"Dann haben wir ein Sicherheitsteam zur überprüfung von Rosenblüte abgestellt", erklärte Shona.
"Das Schrecklichste daran ist", meldete sich Cynthia zu Wort: "Dasgar Rago hat nach seiner Entführung nur noch schlechte Titel gemacht. Seine Karriere war vorbei."
Alle blickten Cynthia verwundert an. Daran hatte noch keiner gedacht! Kadda, Malcolm und Shona, tauschten untereinander Blicke aus, als ob sie wortlos kommunizieren könnten.
"Also, schießt los!", sagte Darius, der sich bei den Blicken sicher war, das sie noch Informationen zurückhielten. "Jetzt kommt vermutlich der Hammer!"
Kadda nickte: "William Praxton hat in letzter Zeit einige Wissenschaftler engagiert, deren Schwerpunkte bei Hypnose, Konditionierung und Gehirnchirurgie liegen."
Ein Computer piepste und Malcolm ging zum Drucker, um die eben gedruckten Seiten herauszunehmen.
"Das sind die Kontoverbindungen und die Kundendatei von Rosenblüte", sagte er und reichte Darius einen neuen Stapel Papiere. "Alle Konten liegen in Luxemburg, einige Verbindungen weisen auch hier darauf hin, das Praxton, seine Finger im Spiel hat", bemerkte Malcolm, als er sich wieder setzte.
"Der Computer überprüft gerade Zusammenhänge zwischen Kundendatei und Entführungen oder sonstigen Gewaltdelikten", führte Shona das Wort weiter.
Sie blickte Darius an: "Ich nehme mal an, Sie haben Rosenblüte eine Codekarte mit einmaligem Zugriff für das Sicherheitstor zustellen lassen?"
Darius nickte und verfluchte sich im Stillen für seine kongeniale Idee, Robbie ein wenig Abwechslung zu verschaffen.
"Warum sollte Robbie sie überhaupt ins Haus lassen?", meldete sich Cynthia wieder zu Wort. "Jeder weiß doch, daß er niemanden sehen will, wenn er sich in die Einsamkeit zurückzieht."
"Vermutlich dachte Stockard, Winterblum könnte nicht wiederstehen, wenn ein reizendes Weibchen vor seiner Tür steht", sagte Shona spitz. "So wie Stockard", hörte Darius sie im Stillen hinzufügen. Shona blickte ein wenig verlegen, hatte sie sich doch fast zu Emotionen hinreißen lassen.
Kadda, der inzwischen wieder zu seinem Rechner gegangen war, brachte einen neuen Stapel Papiere: "Hier sind erste Ergebnisse von Zusammenhängen zwischen kriminellen Tätigkeiten und der Agentur Rosenblüte." Er warf einen Blick auf die Blätter: "Am ersten Mai diesen Jahres beauftragte Gailard Darren die Agentur Rosenblüte, zwei Tage später wurde er entführt und gegen ein Lösegeld von zehn Millionen Pfund freigelassen. Die ganze Sache wurde damals geheimgehalten, weil man vermutete, daß seine Exfrau dahinter steckte." Kadda reichte Darius das Blatt, von dem er gerade die Daten abgelesen hatte. "Im Juni", sprach er weiter: "Beauftragte der Komiker Caleb Cheyenne, Rosenblüte. Drei Tage später überschrieb er seine gesamten Konten einer Vereinigung zur Rehabilitation von Straftätern: Goldschlund und irrte nackend durch die Straßen von New York, bis ihn die Polizei in Gewahrsam setzte. Diesen Vorgang konnte man nicht geheim halten." Darius erinnerte sich an den damaligen Medienrummel um Cheyenne.
"Also müssen wir annehmen", begann Darius und spürte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach: "daß Robbie nicht nur entführt wird, sondern auch noch hypnotisiert und konditioniert wird, wie ein Pawlowscher Hund? Oder an seinem Gehirn herumgepfuscht wird?" Darius schüttelte sich.
"Warum rufen wir nicht einfach die Polizei?", fragte Cynthia und blickte erwartungsvoll in die Runde.
"Das haben wir bereits versucht", erwiderte Shona. "Es gibt im Umkreis von 50 Kilometern nur eine Polizeistation, die für den gesamten Bereich zuständig ist und die einzige Person, die der Station zugehörig ist, hat sich dem Ansagetextes des Anrufbeantworters zufolge, auf die Suche nach einem verschwundenen Hund gemacht."
Kadda war inzwischen wieder zu seinem Rechner gegangen, sprach seine Befehle in das Headset und rief nach kurzer Zeit der Runde am Tisch zu, sie sollten auf die Monitorwand sehen. "Wir haben gerade den Wagen geortet, den Praxeda Empress heute morgen gemietet hat."Kadda ging mit einem Zeigestab zur Karte und wies auf einen Punkt. "Der Wagen bewegt sich in nordöstlicher Richtung vom Anwesen weg. Der Weg führt allerdings, laut Karte wieder an dem Außentor des Anwesen vorbei. An einer Kreuzung hat man die Möglichkeit, über einen Bogen auf die Hauptstrasse zurück zu gelangen, oder auf der anderen Seite, zu einem See, an dem der Weg endet."
"Das kann dann ja alles mögliche bedeuten", sagte Darius und malte sich in Gedanken, einen geknebelten, gefesselten Robbie aus, der von einer Frau, die er vermutlich selbst geschickt hatte, verschleppt wurde. Darius, den es in den Fingern juckte, sprang aus seinem Sitz auf. "Ich werde sofort in die Schweiz fliegen", klärte er die Runde auf. "Shona, bitte kommen Sie mit mir."
Sie nickte knapp und begann sofort einige mobile Geräte und ein paar Laptops in eine Tasche einzupacken.
"Wo hält Will Praxton sich gerade auf", fragte Darius. Wie ihm diese Information nützten würde, wusste er noch nicht.
"Nach wie vor in Luxemburg", beantwortete Malcolm, der eben wieder an seinem Computer Platz genommen hatte, Darius Frage. Shona, die für alle Fälle stets einen Notfallkoffer gepackt hat, reichte Darius ihr Gepäck.
"Los geht's", sagte sie fröhlich. "Das nächste Flugzeug geht in 24 Minuten."
Cynthia, die zunehmend unter der Beachtungslosigkeit litt, stöhnte seufzend auf: "Ich schaffe dann ja nicht einmal zu packen!"
Darius lächelte sie freundlich an: "Cynthia, Liebes, ich dachte du könntest Kadda und Malcolm hier unterstützen! Eis und Schnee würden nur deinen schönen Teint verderben." Cynthia verzog schmollend ihren Mund. Kadda strahlte.
"Wir können hier fähige Leute gebrauchen und du kannst Robbie noch ein paar Faxe senden", fügte Darius hinzu und Cynthias Schmollmund verzog sich zu einem strahlenden Lächeln.
"Pass gut auf dich auf, Darius!", sagte sie und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
Darius bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Shona zu Kadda und Malcolm ging und von jedem grinsend einen Geldschein einsteckte. Er würde sie später danach fragen.

Crazy Will Praxton fluchte nun schon seit Stunden. Der ganze Plan, den er selbst entworfen hatte, war ihm großartig vorgekommen und jetzt schien er sich zu einem Haufen Mist zu entpuppen. "Wo zum Teufel steckt Loretta?", brüllte er schon zum x-ten Mal seinem persönlichen Assistenten entgegen.
Jeroen Imogen zuckte zum wiederholten Male die Schultern. "Boss, wir haben bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt, sie zu finden. Wir haben ein paar Leute auf den Weg geschickt, die Strecke auf der sie gefahren ist abzusuchen und ihr Telefon ist seit Stunden besetzt. Die Jungs brauchen noch einige Zeit, bis sie den ganzen Weg abgesucht haben."
"Und daß diese beiden Hornochsen auch noch ihre Position verlassen haben", schnaufte Crazy Will weiter. "Wozu gebe ich ihnen denn Befehle? Damit diese Scheißer sie missachten? Und wo zum Teufel steckt Loretta?" Praxton wuchtete seinen gewaltigen Körper aus seinem Sessel, watschelte zur Tür, riss sie auf und brüllte auf den Flur: "Shannon!"
Eine junge Frau in Servieruniform kam augenblicklich in das Zimmer gestürzt: "Sie wünschen, Sir?"
"Mach mir einen Drink!"
Sie hantierte mit einer Flasche an der Bar und reichte Crazy Will ein Glas mit Whiskey.
"Ihre Aufgabe sollte doch ganz einfach sein. Sie braucht doch nur die Männer in ihrer Limousine verstecken, bis sie zum Einsatz kommen und auskundschaften, wie viele Sicherheitsleute auf dem Anwesen sind", grunzte Crazy Will weiter, nachdem er einen kräftigen Schluck aus seinem Glas genommen hatte. "Wo zum Teufel, steckt sie?"
"Boss!", sagte Jeroen, überlegend, warum sich der Boss niemals selbst etwas einschenkte, wenn er sich schon von seinem Platz hoch wuppte. "Beruhige dich! Sie wird sich schon melden. Du weißt doch, wie das ist, wenn Loretta telefoniert. Sie vergisst die Welt um sich herum und solange sie telefoniert, wissen wir, daß sie in Ordnung ist!"
Crazy Will entließ Shannon mit einer wegscheuchenden Handbewegung. "Deswegen braucht sie ja noch lange nicht, nicht ankommen! Und dieser Hornochse Rustin, muss sich ausgerechnet von einem Bullen aufhalten lassen!"Wütend schnaufend, trommelten seine Finger über die lederne Sessellehne.
Das Telefon klingelte und Jeroen, nahm den Hörer ab. Er lauschte einige Sekunden dem Anrufer, hielt die Hand über die Sprechmuschel und sagte: "Wo sie gerade von dem Hornochsen Rustin Dean sprechen, er ist am Telefon. Er sagt, der Hubschrauber sei nicht auf Position und Loretta hätte ihn nicht, wie vereinbart angerufen, was er machen soll?"
"Was soll das heißen?", blaffte Crazy Will. "Er findet nicht einmal den verdammten Hubschrauber?" Crazy Will winkte Jeroen, das Telefon auf freisprechen zu stellen: "Rustin, du Mistkerl, du bist nicht nur sechs Stunden zu spät, sondern auch noch dumm wie Scheiße!"
Betretenes Schweigen am anderen Ende der Leitung.
"Wo ist der verdammte Hubschrauber?", brüllte Crazy Will hinterher.
"Boss?", eine betretene Stimme war aus dem Lautsprecher zu hören. "Ich weiß, daß ich Scheiße gebaut habe, aber die Bullentussi bin ich nicht eher losgeworden! Du weißt doch, was auf dem Dorf los ist. Hier kennt jeder jeden, wenn ich sie nicht ins Haus gelassen hätte, wäre sie nur misstrauisch geworden. Aber ich bin mir sicher, daß Loretta nicht vorbeigekommen ist, das hätte ich von meiner Küche aus gesehen!"
"Das interessiert mich einen Scheißdreck", brüllte Crazy Will. "Dann hat die Tante dich sechs Stunden besucht?"
"Nein, Boss!, sagte die Stimme am Telefon fast entrüstet. "Solange war sie nicht da, wir haben nur ein Bier getrunken."
"Du hast der Schlampe auch noch Bier angeboten?", schrie Crazy Will.
"Sonst lehnt sie immer ab, sie wäre misstrauisch geworden, wenn ich ihr keins angeboten hätte. Das tue ich sonst immer", sagte die kleinlaute Stimme.
Crazy Will fasste den Entschluss, sich Rustin Dean später vorzuknöpfen. Fürs erste war er noch von Nutzen und für den Plan unverzichtbar. Jeroen übernahm schließlich das Gespräch und klärte Rustin darüber auf, daß Pitsch und Snake ihre Position verlassen hatten.
"Sie sind gar nicht erst auf Position gewesen", gab Rustin flapsig zurück. "Ich habe dann den Zufahrtsweg beobachtet, aber außer einem Wagen auf der Landstrasse, mit zwei Typen drin, kam niemand vorbei. Also, was soll ich jetzt tun?"
"Du gottverfluchter Scheißkerl", brüllte Crazy Will los. "Das waren Pitsch und Snake!"
"Ja, aber sie sollten doch mit dem Hubschrauber kommen", sagte Rustin zögerlich.
Jeroen erklärte Rustin, daß Pitsch und Snake einen Wagen geliehen hätten, weil er nicht kam.
"Aber dann sind sie gefahren und nicht geflogen!", sagte Rustin bestimmt. "Ich habe das Gelände abgesucht, im Umkreis von einem Kilometer von der Position, wo sie sein sollten, war kein Hubschrauber zu entdecken."
Crazy Will brauchte eine Denkpause und bedeutete Jeroen, das Gespräch zu beenden.
"Wir melden uns gleich", gab Jeroen an den Anrufer und legte auf. "Boss?", sagte Jeroen, wie stets bemüht erst zu sprechen, wenn er Crazy Wills Aufmerksamkeit hatte: "Das können allerdings auch Sicherheitsleute von Darius gewesen sein. Darius rief um zwanzig nach sechs bei Rosenblüte an und bestellte Loretta ab. Vermutlich ist er misstrauisch geworden."
"So ein mistverkackter Scheißdreck", Crazy Will hörte gar nicht mehr auf zu fluchen.
Jeroen hatte nicht vor, den Fehler zu machen, den Chef auf seinen mangelhaften Plan hinzuweisen. Crazy Will schaute ihn erwartungsvoll an. "Wir müssen herausfinden wo sich der Hubschrauber befindet!", sagte Jeroen nach einer Weile bestimmt. "Ohne ihn können wir Winterblum nicht außer Landes schaffen. Dazu brauchen wir Snake, Pitsch und Rustin."
Crazy Will nickte: "Und ohne Loretta kommen wir nicht an ihn heran. Wo zum Teufel steckt Loretta?"

Praxeda und Robbie rieben sich kichernd die Lachtränen aus den Augen. Es dauerte eine Weile, bis ihre Lachkrämpfe ein wenig abgeebbt waren.
"Ich weiß nicht einmal, was daran so komisch ist", sagte Praxeda kichernd und starrte auf die Zimmerdecke, um nicht erneut in einen Lachanfall auszubrechen.
Robbie bemühte sich derweil, aus dem Fenster zu starren, damit sein flatterndes Zwerchfell sich beruhigen konnte. "Oh, man!", sagte er nach einiger Zeit und hielt die Luft an. Zwischen Lachsalven gelang es ihm endlich eine Frage zu stellen. "Was würden denn Ihre Protagonisten im Drehbuch jetzt anstellen, wenn sie gerade bemerkt hätten, daß sie psychedelische Substanzen zu sich genommen haben?" Praxeda kicherte noch eine Weile vor sich hin, bevor sie ihm endlich antworten konnte.
"Käme auf die Art der Story an", brachte sie endlich hervor. Kichernd ging sie zur Bar, schenkte neue Drinks ein und reichte Robbie ein Glas. "Ich wusste gar nicht, das ich so albern bin", sagte sie, bemüht nicht wieder in ein Lachen auszubrechen.
Eine Weile blickten beide schweigend ins Feuer.
"Haben sie Erfahrung mit solchen Substanzen?", fragte sie nach einer kleinen Ewigkeit.
Robbie schüttelte den Kopf: "Nein, nur theoretisch."
Was sie beide veranlasste, wieder in Lachsalven auszubrechen.
"Ich habe keine Ahnung was passiert", nahm er das Gespräch wieder auf und konnte Praxeda dabei sogar wieder anblicken, ohne loszuprusten. "Habe aber schon eine Menge komischer Geschichten darüber gehört." Neugierig schaute sie ihn an: "Was denn für Geschichten?"
Robbie dachte eine Weile nach, was er denn überhaupt so gehört hatte. "Ein Musikerfreund hat sich auf einer Party einmal fünf Stunden mit einer Frau unterhalten."
"Was soll daran merkwürdig sein", fragte Praxeda nach einer Weile, als Robbie nicht mehr weitersprach und ins Feuer blickte, als könne er dort die Szenerie betrachten.
"Niemand, außer ihm, konnte sie sehen."
"Das muss ja nicht viel heißen", sagte Praxeda und blickte sich im Zimmer umher, als erwarte sie, dort ein paar Leute stehen zu sehen.
"Er konnte sie später bis ins kleinste Detail beschreiben. Einige Leute hatten sich auf der Party schon um ihn versammelt, um dem Gespräch zu lauschen. Irgendwann forderte er sie sogar zum Tanzen auf. Und wenn sie am Ende der Party nicht befürchtet hätte, daß er viel zu fahruntüchtig sei, sie nach Hause zu fahren, dann hätte er es vermutlich getan."
"Also, wollten Sie damit sagen, wenn hier plötzlich Leute auftauchen, die mir lebensecht vorkommen, sollte mich das nicht weiter beunruhigen?"
Robbie nickte: "Vielleicht, aber ich weiß es nicht genau. Ich habe keine Ahnung, wie solche Substanzen überhaupt dosiert werden."
"Haben Sie denn schon einmal gehört, daß so ein Zeug jemanden umgebracht hat?"
Robbie schüttelte wahrheitsgemäß seinen Kopf. Vor seinem geistigen Auge allerdings, stand für einige Sekunden seine Schlagzeile: Rockstar tötet sich mit Geliebter in Schneehölle.
"Ich glaube, diese Art von Substanz, würde sich am ehesten für einen Psychothriller eignen", sagte Praxeda. "Jemand, vorzugsweise eine Frau, soll in den Wahnsinn getrieben werden. Aus Rache oder Geldgier vermutlich Die Substanzen würden ihr; ohne ihr Wissen verabreicht werden."
"Dann befinden wir uns gerade in einem Psychothriller", sagte Robbie, erleichtert, auf andere Gedanken zu kommen.
"Nein", sagte Praxeda bestimmt. "Das Motiv fehlt. Ein Psychothriller setzt meistens einen tiefen Beweggrund voraus."
"Einsamkeit wäre ein Beweggrund", sagte Robbie und überlegte ernsthaft, wie ihm das in den Sinn kam.
"Einsamkeit ist eher ein Motiv für ein Liebesdrama, oder im Höchstfall für einen Krimi", erwiderte Praxeda. "Als Bewegrund für einen Psychothriller nicht gerade anregender Stoff. Mir fallen dazu nicht mal Protagonisten ein."
"Einsamkeit und Magic Mushrooms, das klingt für mich nach Sozialdrama oder Endzeitfilm", sagte Robbie nüchtern.
"Das klingt nach Katastrophenfilm", erwiderte Praxeda mit so todernster Stimme, daß Robbie sie überrascht anblickte. Verbissen bemühte sie sich, ihr Lachen zu unterdrücken, doch als Robbie sie aus großen Augen anblickte, brachen beide wieder in Lachsalven aus.
"Die Protagonisten konnten sich vor Lachen kaum halten", brachte Robbie unter Kichern hervor. "Sie wissen zwar noch nicht, zu was für einer Story sie gehören, aber das sollte sie nicht davon abhalten, zu versuchen, das Drehbuch selber zu schreiben. Sie kreierten eine neue Filmrichtung: Die Psychokomödie!"
"Ich habe schon Zwerchfellkrämpfe vom Lachen", sagte Praxeda kichernd. "Anstatt zu erfrieren, werde ich jetzt im Lachkrampf in einer Psychokomödie sterben."
Sie streckte sich auf den Kissen aus, holte tief Luft und blickte mit zwischenzeitlichem Kichern, verträumt in die Flammen.
"Wie schreiben Sie Ihre Drehbücher", sprach Robbie sie, nach einem Moment der Stille, an. "Wissen Sie die Geschichten vorher schon und kleiden sie dann in Text, oder wie kann ich mir das vorstellen?"
Praxeda drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf ihren Arm und blickte Robbie an. Robbie hatte für Sekunden das ungeheuere Gefühl eines Dèjà-vu.
"Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal denke ich mir erst die Personen aus und die Geschichte schreibt sich dann wie von selbst, oder ich weiß die Geschichte in groben Zügen und füge die Personen hinzu", beantwortete sie seine Frage.
"Wie haben Sie bei Ihrer Krimikomödie angefangen", fragte Robbie, nun ernsthaft interessiert.
"Ich habe angefangen mir duzende von Schauplätzen auszudenken, ein paar Handlungen, noch nichts Halbes und nichts Ganzes. Vielleicht werde ich mich an einer Entführung versuchen. Ich wollte über alles in Ruhe, in der Hütte nachdenken."
Robbie versuchte sich vor seinem geistigen Auge auszumalen, wie sie in ihrer Hütte saß und sich die Haare raufte.
"Als ich in der Kälte vor Ihrer Mauer stand, nahm ich mir vor, auf alle Fälle einen Satz in die Komödie einzubringen." Robbie schaute sie gespannt an, was jetzt kommen würde. "Weshalb haben Sie eine so hohe, lange Mauer um Ihr Gelände gezogen?" Sie zögerte: "Damit hier niemand hinein oder damit niemand hinaus kommt?"
Robbie lachte: "Meistens, damit keiner hinaus kommt, wenn ich meinen Freunden neue Lieder vorspiele!"
Praxeda kicherte noch eine Weile: "Ich dachte, das wäre eine Militärbasis hier. Bei dieser Mauer! Einen Musiker hätte ich dahinter nicht vermutet."
"Ich auch nicht!", sagte Robbie mit dem unvermeidlichen Grinsen. Was für eine doppeldeutige Bemerkung, fuhr es ihm durch den Sinn. "Ich bin seit ein paar Tage hier, wollte in dieser Hütte über alles in Ruhe nachdenken."
Sie starrten beide wieder nachdenklich ins Feuer.
"Bisher hab ich mich vermutlich nur selber gesucht. Die meiste Zeit im Jahr bin ich von vielen Menschen umgeben", sagte Robbie und schwieg.
Praxeda blickte ihn erwartungsvoll an, ob er weitererzählen würde.
"Hier hingegen habe, ich mich schon einen Moment einsam gefühlt, mit mir selbst, meine ich."Robbie war von sich selbst erstaunt, wieso ihm schon wieder Einsamkeit in den Sinn kam. "Haben Sie sich schon einmal mit sich selbst einsam gefühlt?", hörte er seine Stimme fragen
Praxeda blickte nachdenklich ins Feuer. Robbie blieb nur, sie erwartungsvoll anzuschauen.
Nach einem unendlich langem Augenblick, als er schon dachte, sie hätte die Frage vergessen, antwortete sie.
"Vorhin habe ich mich einsam gefühlt", sagte sie ernst. "Als ich da im Dunkeln durch den Wald stapfte, hatte ich den Eindruck, ich sei der letzte Mensch auf Erden. Das Einzige was mich vorangetrieben hat, war der Gedanke, daß ich so nicht enden will."
"Wie lange sind Sie da draußen gewesen?", fragte Robbie und dachte noch über ihre Antwort nach
Praxeda zuckte die Schultern: "Ich weiß nicht genau. Um zwei etwa, habe ich noch mit Freunden telefoniert, kurz darauf bin ich im Wald gelandet."
"Brrr", Robbie schauderte bei dem Gedanken. "Als ich am frühen Abend auf der Couch saß und aus dem Fenster blickte, sagte ich mir, um nichts in der Welt würde ich jetzt durch diesen Sturm stapfen wollen!"
"Ich bin heilfroh darüber, daß Sie es dennoch getan haben.", sagte Praxeda aufrichtig. "Ich verdanke Ihnen, daß ich nicht steifgefroren da draußen verendet bin. Was Sie getan haben, ehrt Sie!"
"Zuviel der Ehre. Wäre auch nicht schön, morgen früh beim Schneeschaufeln eine steifgefrorene Leiche zu finden!", erwiderte Robbie grinsend. Daran konnte sie sich erinnern, wie ihm ihr entschuldigendes Lächeln sagte. "Vergessen Sie dabei nicht, daß ich Sie unter Drogen gesetzt habe und Sie sich jetzt in einer Psychokomödie befinden", sagte Robbie grinsend. "Ich hoffe, Sie werden mir vergeben!"
Praxeda wollte etwas sagen, doch Robbie fiel ihr ins Wort: "Bevor Sie jetzt etwas verfrühtes sagen, möchte ich Sie bitten, daß Sie lieber bis morgen, wenn der Spuk vorbei ist, mit Ihrer Vergebung warten!"
"Was soll heute schon noch großartiges geschehen?, fragte Praxeda, nachdem sie eine Weile darüber nachgedacht hatte.
"Nur keine Panik", sagte Robbie und entlockte Praxeda und sich selbst einen erneuten Lachkrampf. "Ich habe den Eindruck, diese Pilze zeigen ihre Wirkung in Intervallen", hörte er sich sagen, als seine Lachsalven ein wenig abgeflaut waren. "Einen Moment lang fühle ich mich ganz normal und schon im nächsten, als ob ich neben mir selber stehe und mir beim Reden zuhöre."
"Wie nennt man diesen Zustand?", fragte Praxeda. Robbie blickte sie fragend an.
"Wenn jemand Alkohol trinkt, dann ist er irgendwann betrunken", erklärte sie. "Wenn jemand Gras raucht, sagt man, er wäre stoned. Oder bei Kokain, wie in Filmkreisen sehr beliebt, der oder die hat sich die Nase gepudert und hat sich deswegen daneben benommen oder ist am marschieren."
"Am marschieren?", fragte Robbie und fragte sich wirklich.
"Ja, nach Bolivien, oder so."
"Hab ich noch nie gehört", gab Robbie ehrlich zu.
"Wie nennt man das denn in der Musikerszene?", fragte Praxeda interessiert.
"Schlicht und einfach: bekokst!"gab Robbie lachend zu und hielt die Gelegenheit für günstig, neue Drinks zu holen. "Ich glaube, on", sagte er nach einer Weile, in der er die wundervollen Flammen in ihrer Einzigartigkeit, - besonders, die linke kleine Flamme, die immer nur einen Augenblick hoch züngelt", - betrachtet hatte.
Praxeda blickte ihn verständnislos an.
"Den Zustand", sagte er. "Den Zustand unter Pilzen."
"Ich bin on", sagte sie lachend.
"Kann ich ja nur hoffen", kicherte Robbie. "Ich bin morgen nicht out!"
Praxeda hatte die Doppeldeutigkeit verstanden und brach gleichzeitig mit Robbie in einen Lachanfall aus.
"Also, außer, daß wir morgen vermutlich einen Kater von dem Cognac haben, sind wir auch noch out!", brachte Robbie noch einmal unter konvulsischen Zuckungen seiner Gesichtsmuskeln hervor. Es dauerte eine Weile, bis ihre Lachkrämpfe abgeebbt waren und sie sich die Lachtränen aus den Augen wischten. Hin und wieder kicherten sie vor sich hin.
"Dèjà-vu", sagte Praxeda, als sie mit ihrem Mund wieder Worte formen konnte.
"Wenn wir weiterlachen, habe ich gleich nur noch Dèjà-vu`s! Mein Zwerchfell kollabiert gleich", gab Robbie prustend zu. "Ich brauche ein ernstes Thema!"
"Einsamkeit!", sagte sie. Das wirkte einen Augenblick. "Einsamkeit kann auch heißen: mit sich selbst geeint!", sagte Praxeda bestimmt.
"Einsam geeint. Allein, all ein, noch so ein Wortspiel, mit allem eins!", nickte Robbie und fand diesen Gedanken ungeheurer erleuchtend.
Beide blickten gespannt auf das knisternde Feuerspiel. Hin und wieder kicherten sie vor sich hin.
"Vorhin im Wald, einsam, habe ich auch an Mord gedacht!", sagte Praxeda und versuchte, sich ihr Grinsen zu verkneifen. "Ich dachte, wenn ich diese Typen kriege, dann bringe ich sie um! Einsamer Gedanke und Mord!"
"Das ist vermutlich eine normale, menschliche Reaktion, ich weiß nicht, was ich diesen Typen alles an den Hals gewünscht hätte", sagte Robbie und versuchte sich vorzustellen, wie er sich gefühlt hätte. Ihn überkam ein viel interessanterer Gedanke. "Wie würden Sie aus unserer Geschichte ein Drehbuch machen?", fragte er.
Praxeda blickte ihn fragend an.
"Wie würden Sie aus unserer Geschichte ein Drehbuch machen? Ein Drehbuch schreiben, meine ich", wiederholte er.
"Ich versteh nicht ganz, was Sie meinen", antwortete Praxeda und meinte, was sie sagte.
"Wenn ich Sie bitten würde, aus unserer Geschichte, ich meine aus unserer Begegnung, ein Drehbuch zu schreiben, wie würden Sie das anstellen? Ich meine, was würden Sie schreiben? Wie würden Sie ein Drehbuch beginnen?"
"Sie meinen, wie ich unsere Begegnung beschreiben würde?", fragte Praxeda und erntete damit Kopfschütteln.
"Ja, ich meine, nein, was für ein Drehbuch würden Sie aus unserer Begegnung machen?", fragte er weiter.
"Das wäre vermutlich nicht sehr lang", sagte Praxeda und blickte Robbie lächelnd an. "Sie meinen eine realistische Darstellung?"
"Nein, ich meine, lassen Sie ihre Fantasie spielen, was könnten Sie potentiell daraus machen?", fragte Robbie weiter.
"Man könnte unendlich viel daraus machen. Aber es würde nur ein Fragment eines Drehbuches, oder einer Filmhandlung sein. Es sei denn, Ihnen steht der Sinn nach einem Dokumentarfilm, indem die wirk weisen und Erfahrungen, unter solcherart von Substanzen, dargestellt werden sollen."
Robbie blickte sie an, als hätte er die Antwort auf eine Frage bekommen, die er gar nicht gestellt hat.
Praxeda bemerkte seinen undeutbaren Blick: "Ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen?"
"Frage ich mal so", fing er schließlich an. "Wenn ich Sie bitten würde, ein Drehbuch zu schreiben, in dem Sie unsere Geschichte, ich meine unsere Begegnung einbauen, was würden Sie schreiben? Wie beginnen Sie mit dem Drehbuch?"
"Ich schreibe die Handlung meiner Drehbücher sozusagen erst in Buchform. Wie einen Roman, das kann ich mir besser vorstellen. Dann arbeite ich den Roman in ein Drehbuch um. So habe ich das bisher jedenfalls gemacht", antwortete Praxeda und war über sich selbst erstaunt, daß sie noch so komplizierte Sätze zustande bekam.
"Ich möchte einen Film machen", sagte Robbie. "Schreiben Sie das Drehbuch?"
"Haben Sie schon einmal einen Film gemacht?", frage Praxeda gegen.
Robbie schüttelte den Kopf, oder das, was er glaubte, noch davon übrig war.
"Unterschätzen Sie das nicht!" Wieder ein Kopfschütteln.
"Wollen Sie den Film produzieren oder Regie führen oder als Schauspieler mitspielen?" Robbie blickte sie erstaunt an. Darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. "Ich denke, die meisten Produzenten lesen ein Buch oder Drehbuch und wenn es ihnen gefällt, wollen sie das als Film bringen, weil sie sich davon eine Menge Geld versprechen."
"Das ist egal", hörte Robbie sich sagen.
"Bevor ich darauf etwas antworten kann, hole ich lieber noch etwas Cognac", sagte Praxeda und machte sich auf den Weg zur Bar. "Dafür, daß ich erst heute mit dem Trinken angefangen habe, beweise ich eine erstaunliche Trinkfestigkeit, das muss ich mir ja selbst eingestehen", redete sie weiter, als sie Robbie seinen Drink reichte und das Feuer schürte.
Robbie hatte den Eindruck, da wäre sie nicht die einzige.
"Ich würde gerne Tee trinken", sagte Praxeda, nachdem sie ihren Cognac, wie ein Cowboy in einem Western, nach einem langen, staubigen Ritt durch die Prärie, den Whisky herunter gekippt hätte, heruntergekippt hatte. "Wenn Sie erlauben, koche ich Tee, wenn Sie welchen haben?", fügte sie hinzu.
"Sie lenken ab!"
"Nein, ich denke nach!"
Robbie blickte sie an und wusste nicht genau, wo sich seine Augen befanden.
Praxeda ging in die Küche und deklamierte, so daß Robbie sie verstehen konnte:"In der Romanform würde ich vermutlich mit einer elenden, langen Beschreibung dieses, dieses ", sie suchte nach einem Wort, fand den Wasserkessel und setzte Teewasser auf. "Dieses Wetters beginnen."
Sie dachte eine Weile nach, während Robbie sie interessiert beobachtete. "Ich hab's!", rief Praxeda plötzlich erstaunt aus. "Bolivianisches Marschierpulver!" Robbie blickte sie fragend an. "So nennt man Kokain, oft in der Filmbranche."
"Sie lenken immer noch ab!", rief Robbie, der sich aus irgendeinem Grund im Augenblick königlich amüsierte.
"Nein, ich denke noch schärfer nach", sagte Praxeda mit einem breiten Grinsen. "Aber beantworten Sie mir zuerst meine Frage? Wollen Sie Produzent, Regisseur oder Schauspieler sein?"
"Was machte das für einen Unterschied."
"Vielleicht macht es den Unterschied, daß ich ein Teil von dem Drehbuch wäre", sagte Praxeda und suchte in den Schränken nach Tee und Geschirr. "Sie haben vermutlich keine Ahnung wo das steckt?", fragte Praxeda und Robbie war erstaunt, daß er wusste, was sie meinte und auch noch den Kopf schütteln konnte.
Sie fand es in dem einzigen Schrank, der auf ihrer Suche noch übrig war.
"Ich hoffe, daß wenigstens der Tee, Tee ist!", murmelte sie, als sie den Tee zubereitete.
Sie hatte sogar ein Tablett gefunden und setzte es zwischen sie, als sie sich wieder vor dem Kamin niederließ.
"Wenn Sie zuerst einen Roman schreiben. Sie würden den Winter beschreiben und dann?"
"Dann müsste ich Sie und meine Person beschreiben."
"Wieso sagen Sie, meine Person und nicht mich?"
"Weil ich mich selbst nicht beschreiben könnte!"
"Oh, doch, das haben sie schon. Ich denke, Sie haben sich in jeder der Frauen in: Muse gesucht, beschrieben."
"Das ist mir peinlich, wenn Sie das so sehen", gab Praxeda verlegen zu und dachte an die erotischen Szenen.
An die dachte Robbie auch! "Vermutlich, haben Sie sogar eines der verzauberten roten Kleider getragen!", fügte Robbie hinzu. Praxeda sah einen Augenblick so aus, als hätte sich eine schreckliche Ahnung bestätigt.
"Also", sagte Praxeda und tat, als ob sie nicht weiter darüber nachdächte. "Wir haben einen Musiker und eine Drehbuchautorin und eine Begegnung im Schneesturm. Wenn es überhaupt dabei bleiben soll! Ich meine, im Film können Sie alles Mögliche sein! Wollen Sie sich mit der Person identifizieren? Ich meine Sie selber sein? Wahrheit oder Fiktion?" Praxeda blickte ihn erwartungsvoll an, als ob sie eine Antwort hören wollte. "Jetzt fehlt noch ein Genre."Praxeda wartete immer noch auf eine Antwort. Robbie blickte sie unverwandt an. "Hören Sie mir überhaupt zu?", fragte sie nach einer Weile, in der sie unverwandt zurück geguckt hatte.
"Jedes Wort!"
"Ihnen muss doch irgendetwas vorschweben!", sagte sie.
Robbie schüttelte seinen Kopf und war selbst erstaunt, wie wenig er dazu beitragen konnte: "Ich habe keine Ahnung! Ich habe noch nie versucht, eine Geschichte zu schreiben, mir überhaupt nur eine auszudenken." Robbie dachte eine Weile darüber nach - und an die vielen zerknüllten Briefbögen, die ihn meistens umgaben, wenn er allein nur einen persönlichen Brief schreiben wollte. Zur Bestärkung blickte er Praxeda kopfschüttelnd an und zuckte mit den Schultern, als stände er vor einem unlösbaren Rätsel und sehe keinen Ausweg.
"Fang ich mit Ihnen an. Ich würde Sie beschreiben", sagte sie lächelnd.
"Wie denn?", fiel ihr Robbie ins Wort und war plötzlich neugierig, wie sie das wohl tun würde.
"Ich würde Sie beschreiben, als attraktiv, athletisch, mit strahlend grünen Katzenaugen, braunem Haar. Mir würde schon eine Menge einfallen. Wie gesagt, ich beginne meist in Romanform." Robbie blickte sie weiterhin erwartungsvoll an, als wäre er in einer Vorlesung und sie die Dozentin. "Dann müsste ich", sie blickte zur Decke, als könne sie dort ihren Text ablesen, und wandte ihre Augen schließlich wieder auf Robbie. "Mich beschreiben. Das ist Ihre Rolle!"
"Sie beschreiben?" Sie nickte.
"Oh, sie sind groß und wunderschön."
"Das ist eine subjektive Beschreibung, weil sie on sind!", sagte sie grinsend.
"Blond, schlank, strahlend, mit langen Haaren, langen Beinen. Vermutlich habe ich die Pilze schon gegessen, bevor Sie klingelten und diese ganze Begegnung findet gar nicht wirklich statt, sondern Sie sind die Frau, mit der mein Freund sich auf der Party unterhalten hat. Ich könnte sogar Ihre Ohrläppchen beschreiben, oder wie Sie den Blick von unten heben, aus Ihren wundervollen Augen."
"Schon besser", sagte Praxeda. "Ich könnte natürlich auch sagen, ich bin mit dem Schlag auf den Kopf gestorben und befinde mich im Zwischenreich."
"Nein!", Robbie erschrak selbst über seine laute Stimme. Er sprang auf und fasste Praxeda fest an der Schulter. "Mein Freund hat nie davon erzählt, ob er die Unsichtbare spüren konnte. Fühlen Sie das?"
Sie nickte und überrascht ließ er ihre Schulter los.
"Sie haben mich erschreckt", sagte sie und goss seelenruhig den vergessenen Tee ein. "Sie verstecken sich vor der Mafia", sprach sie weiter und blickte ihn belustigt an. "Oder Sie sind ein Juwelendieb. Dann würde es vielleicht ein Krimi. Sie sind dran." Sie nickte ihm zu, wie beim Kartenspiel und Robbie hatte tatsächlich den Eindruck, er wäre am Zuge.
"Aber Sie sind mir auf die Schliche gekommen und sind eine so geschickte Täuscherin, daß der Dieb gar nicht merkt, daß er selber ausgeraubt werden soll", sagte er und ließ sich wieder auf die Kissen gleiten. Robbie fand Gefallen an dem Spiel: "Sie sind die letzte der noch existierenden griechischen Götter und herabgestiegen, weil Sie sich in all den Jahren, daß erste Mal gefragt haben, wie es wohl ist, ein Mensch zu sein"
Er blickte sie auffordernd an und diesmal hatte Praxeda das Gefühl: sie sei dran. "Sie sind Thor, zufällig, auf den gleichen Gedanken gekommen. Und keiner von uns beiden erfährt am Ende der Reise, was Menschsein bedeutet."
Praxeda blickte ihn auffordernd an, er war am Zuge. Robbie zuckte nur mit den Schultern und suchte ringend nach einer neuen Idee.
"Sie sind ein genialer Wissenschaftler, der gerade dabei ist, neue Theorien in der Raketenforschung zu entwickeln, ich komme von einem anderen Planeten und soll, das ist Teil meiner Mission, verhindern, daß das geschieht", erklärte sie geradewegs heraus.
Robbie schaute sie verwundert an.
"Leider ist mein Raumschiff notgelandet und deswegen muss ich warten, bis ihre Raumfahrttechnologie soweit fortgeschritten ist, daß ich das Schiff reparieren kann, um hier wieder weg zu kommen!", sprach sie weiter, als Robbie es bei einem Schweigen beließ.
"Warum wollen Sie daß verhindern?"
"Damit die Menschheit nicht eine gefährliche Krankheit, wie unsere Zukunftsforscher herausgefunden haben, auf die Zivilisationen anderer Planeten überträgt."
"Was für eine Krankheit?, fragte Robbie wieder.
"Gier!", Praxeda blickte ihn aus glühenden Augen an. Robbie sah ein abgestürztes Raumschiff, halb im Schnee verborgen. Einen Augenblick glaubte er tatsächlich, dies sei die Wahrheit, wenn nicht eine kleine Stimme ihm geflüstert hätte, daß er gar kein Wissenschaftler sei! "Ich muss passen", sagte er, als hätte er keine passende Karte. Praxeda wartete.
Sie beobachtete sein Minenspiel und versuchte daraus Rückschlüsse zu ziehen "Irgendeine Assoziation müssen Sie haben", sagte sie schließlich.
Ihn überkam eine Gänsehaut, als er seine inneren Bilder betrachtete.
"Einen Augenblick dachte ich, ich hätte Ihre Eckzähne, wie bei einem Vampir blitzen sehen, oder Sie streiften Ihre Haut ab und darunter käme ein Werwolf zum Vorschein", hörte er seine Stimme, bemüht ihr das Bild zu beschreiben, sagen.
"Horror ist nicht meine Welt", entgegnete sie und kam ihm wie der Weihnachtsengel vor.
"Dann bin ich wohl der alte Scrooge aus dem Weihnachtsmärchen, dem der Geist der Weihnacht erscheint", sagte Robbie, beruhigt, daß ihre Eckzähne wieder auf die normale Größe geschrumpft waren.
"Scrooge hätte niemanden aus dem Schneesturm geholt und als Vampir wäre ich durch die Dachluke gekommen", sagte Praxeda lachend.
"Da haben Sie wohl recht", sagte Robbie und fand ihren Gedanken ungeheuer logisch, was immer das auch bedeuten mochte. "Ich bin erstaunt, wie sich jemand eine ganze Geschichte ausdenken kann", fügte er hinzu und hatte den Eindruck, daß das Spiel vorbei sei.
"Das ist vermutlich die gleiche Tätigkeit, wie ein Musikstück zu komponieren", erwiderte Praxeda. "Die Teilstücke die sich entwickelt haben, fügen sich zu einem Ganzen zusammen."
Robbie nickte zustimmend und dachte an sein Team von Leuten, die seine Grundidee weiterentwickelten.
"Ohne Musik, wäre der spannendste Streifen wahrscheinlich langweilig!", sprach Praxeda weiter.
"Und ohne Video kommt kaum ein Musikstück auf den Markt", entgegnete Robbie bestimmt.
"Haben Sie schon ein Musikvideo gemacht?", fragte Praxeda interessiert.
"Ja, schon einige", erwiderte er wahrheitsgemäß.
"Kann ich sie sehen", fragte Praxeda weiter.
Robbie wollte erst lügen, daß er keinen Film vorrätig hätte. Ihm fielen ein paar Szenen seiner Videos ein. Zurschaustellung zahlreicher zügelloser Komparsinnen, Knutschszenen, die er ihr, um keinen falschen Eindruck von sich zu erwecken, lieber vorenthalten wollte. Doch da sie bereits im Fernsehzimmer gewesen war und die langen Regalreihen voller Videofilme gesehen hatte, erschien es ihm klüger, sich nicht noch tiefer in Lügen zu verstricken. Ihm fiel das vorgetäuschte kaputte Telefon ein. "Natürlich können Sie die Filme sehen, doch wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Sie Ihnen gerne erst zeigen, wenn ich wieder normal gucken kann", hörte er sich stattdessen sagen. "Ich muss sie auch erst noch heraussuchen!", fügte er hinzu, in der Hoffnung, daß sie ohnehin gleich sagen würde: Nur keine Umstände. Praxeda grinste und ihr Mund formte sich zu einem schönen Lächeln.
"Ah, ich verstehe", sagte sie. Robbie fragte sich, was sie wohl verstanden hatte. "Ganz ehrlich gesagt, möchte ich nicht, daß Sie davon vorbelastet sind oder einen falschen Eindruck von mir bekommen!", hörte er seine Stimme sagen. "Ich finde es wunderbar, daß ich einmal ich selbst sein kann", hörte er sich zu seiner Verwunderung hinzufügen. "Ich meine unvorbelastet!"
"Kann ich verstehen", sagte Praxeda und blickte ihn aus aufrichtigen Augen an.
Robbie blickte unverwandt zurück und fragte sich, ob sie tatsächlich verstanden hatte, was er meinte. Ob er es selbst verstanden hatte, wagte er sich gar nicht erst zu fragen. "Ich finde das schön, hier mit Ihnen zu sitzen", sprach er weiter. "Auch wenn ich das einem Verbrechen zu verdanken habe. Mir gefällt die Idee einen Film zu machen und darin unsere Begegnung einzubauen."
"Sie wollen immer noch einen Film machen?", fragte sie grinsend.
"Ja", nickte er zustimmend und fragte sich, ob ihm überhaupt klar war, was er da sagte.
"Was für ein Zufall", sagte Praxeda strahlend grinsend, als wären sie gerade einander vorgestellt worden. "Ich bin Drehbuchautorin! Wollen Sie Opfer, Verstoßener, Geliebter, Schurke oder Held sein?"
"Kann ich noch nicht sagen." Im Augenblick stand ihm der Sinn am ehesten nach einem Liebesfilm, das wollte er jetzt jedoch nicht eingestehen. "Was tun Sie, wenn Sie in Ihrer Handlung nicht weiter wissen?", fragte er, um sich auf andere Gedanken zu bringen.
"Ich bedenke die Fakten, die ich schon habe und versuche daraus ein Fazit zu ziehen."
"Fakt ist dann, daß Sie überfallen wurden und wir uns dadurch einander begegnet sind!"
"Nein", sagte Praxeda mit wissenschaftlichem Gesichtsausdruck. "Fakt ist, daß ich bei Ihnen geklingelt habe und Sie mich hereingelassen haben. Alles was Sie über mich wissen und alles was ich über Sie weiß, haben wir uns einander gesagt! Fakt ist, ich stand vor Ihrer Tür und Sie haben dann das Eingangstor zerstört."
"Also haben wir nicht einmal mehr eine Autorin und einen Musiker!", sagte Robbie in einem Tonfall, als hätte er etwas verloren.
Praxeda nickte zustimmend. "Wir haben zwei Personen und eine messbare Zeit, dann wäre die Geschichte schnell vorbei. Nehmen wir nun diese gleichen Personen und spinnen um sie herum ein Netz aus Möglichkeiten.
"Fakt ist, Sie haben ohnmächtig vor der Tür gelegen!"
"Vielleicht war das nur vorgetäuscht, um mir Zugang zu verschaffen! Tatsächlich bin ich gar nicht überfallen worden!"
Robbie blickte sie überrascht an, diese Möglichkeit war ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen.
Doch Praxeda, dozierte, unbeeindruckt von seinem Mienenspiel weiter: "Vielleicht sind Sie hier eingebrochen, oder Sie verstecken sich hier vor irgendwem, oder Sie sind ein Computerhacker, der die Weltherrschaft will! Der unvorhersehbare Fall, der Spannungsaufbau und die Logik einer Geschichte sind mit der Idee noch nicht gegeben. Wer ist Schurke, wer gut, wer böse? Haben wir eine Liebesgeschichte, einen Krimi, Thriller, Drama, oder was auch immer? Sind wir die Guten oder die Bösen? Sind wir jeweils einer eines?"
Robbie griff nach den Zigaretten und steckte sich in aller Seelenruhe eine an. "Ich verstehe", sagte er nach dem ersten Zug von seiner Zigarette. "Eine Handlung fehlt und ein Genre."Wundervolle Rauchkringel schlängelten sich durch die Luft. Robbie schlenderte an die Bar und schenkte sich einen Cognac ein. Er brauchte jetzt etwas stärkeres als Tee. Er hielt Praxeda fragend die Flasche hoch und sie nickte.
"Ja, bitte."
"Aber, was ist der unvorhersehbare Fall?", fragte er und reichte ihr einen doppelten Cognac.
"Angenommen, dies wäre ein Liebesfilm", erklärte Praxeda, als hätte sie seine Gedanken gelesen. "Sie haben mich gerade aus dem Sturm aufgelesen und wir tauen in der Sauna auf. Unvorhersehbarer Weise, will Ihre Frau, Sie an diesem Abend, trotz Schneesturm, besuchen und überrascht Sie, missdeutet die Situation und der Rest des Filmes, geht darum, wie Sie Ihrer Frau, die Wahrheit erklären und sie zurückgewinnen."
"Ich habe keine Frau." Dieser Art Film schwebte ihm mit Sicherheit nicht vor und er versuchte, sich die Szenerie vorzustellen. "Nein, keine Frau!", sprach er laut seinen Gedanken aus.
"Also wollen Sie sich mit dem Protagonisten identifizieren!", grinste Praxeda und lenkte Robbies Aufmerksamkeit wieder auf sich. "Wollen Sie lieber Schurke, oder einer von den Guten sein?", fragte sie weiter.
Robbie war immer noch dem Liebesfilm verhaftet. Er stellte sich Praxeda als schöne Spionin, auf der Flucht vor Geheimdiensten und Mafia vor. Hatte sie wichtige Informationen, die beide Parteien für sich haben wollen? Welches war dann seine Rolle. Enttarnung oder Schutz? "Auf der Seite der Guten", sagte er, als er sich ihre Frage wieder in Erinnerung rief. "Die Schurken haben wir schon! Diese Typen, die Sie überfallen haben!" Er blickte Praxeda an, als hätte er gerade einen genialen Gedankenblitz eingebracht. "Sie sehen auch nicht wie ein Schurke aus. Dann eher wie eine Mata Hari, auf der Flucht vor Geheimdienst und Mafia."
"Eben noch glaubten Sie, in meiner Hülle sei ein Werwolf versteckt und jetzt trauen Sie mir keinen Schurken zu?", Praxeda lachte herzlich. "Wer sagt Ihnen, daß nicht meine Gangsterkollegen vor der Tür stehen und wir Ihre Entführung planen!"
Robbie blickte sie irritiert an, einen Augenblick hatte er diese Möglichkeit bedacht und sie in einer Nanosekunde wieder verworfen. Geradewegs sah er Praxeda in die Augen. "Auch Sie stehen auf der Seite der Guten, das sagt mir Ihr aufrechter Blick. Wenn dem nicht so ist, sind Sie eine großartige Schauspielerin und dürften sich vor Filmangeboten kaum retten können."
Praxeda nickte und sah ihn an, als hätte sie gerade Bestätigung erhalten. "Also wollen Sie sich mit dem unverheiratetem Protagonisten identifizieren, auf der Seite des Guten stehen, eher ein Held, als ein Opfer sein, gedenken mir die Rolle, einer von den Guten zu und die Rolle der Bösewichte haben wir auch schon. Ich wusste doch, daß Ihnen irgendetwas vorschweben musste!" Sie grinste über das ganze Gesicht.
Robbie erinnerte sich daran, wie er noch vor kurzer Zeit, den Kopf geschüttelt hatte. Ihnen muss doch etwas vorschweben!
"Wir haben jetzt ungefähr ein Genre und brauchen nun die Handlung!", erklärte Praxeda. "Wir müssen uns erklären, was die Schurken wollen. Für einen ganzen Krimi, war jedoch ihr bisheriger Gastauftritt zu kurz!" Praxeda legte ihre Stirn in Denkfalten.
"Sie müssen auf der Flucht vor einem Geheimdienst, oder der Mafia sein!", erklärte Robbie, nachdem er einige Zeit versucht hatte, logische Bahnen zu finden.
"Worum geht es?", fragte Praxeda Robbie, als könne er ihr das erklären.
"Spionage? Sie besitzen wichtige Informationen, oder Sie sind Kronzeugin in einem Mafiaprozess und es ist Ihnen gerade gelungen, Ihren Häschern zu entfliehen!", Robbie grinste sie an.
"Wer sind Sie?"
"Vermutlich bin ich ein ehemaliger Agent, der sich bis auf weiteres in die Einsamkeit zurückgezogen hat und als unvorhersehbarer Faktor in die Geschichte geraten ist und alles daransetzt, die Pläne der Schurken zu vereiteln."
"Mord oder Verschleppung?", Praxedas leuchtende Augen blitzten ihn an.
"Natürlich haben die Schurken nicht damit gerechnet, daß Sie hier in der Wildnis auf Verstärkung, in Form einer Kampfmaschine stoßen und wir uns verbünden. Nicht nur Ihre Entführung, sondern auch der Mordkomplott gegen Sie wird vereitelt!"
Praxeda grinste über das ganze Gesicht und Robbie spürte bei seiner Erklärung, seine Muskeln schwellen. Die Kampfmaschine ist bereit! Ihm gefiel der Gedanke, den Gangstern an Kraft und Intelligenz überlegen zu sein!
"Dann haben wir es mit einer ganzen Organisation von Gangstern zu tun!", gab Praxeda zu. "Wer steht noch auf unserer Seite? "
Beide fielen in sinnierendes Schweigen und blickten auf das Feuer, daß am herunterbrennen war. Robbie legte einige Holzscheite nach, die es wieder aufleben ließen. Praxeda beobachtete ihn aufmerksam. Eben noch hatte sie in Gedanken aus ihm einen kriminellen Computerhacker gemacht, der aus seiner geheimen Kommandozentrale im Keller, alle Regierungssysteme der Welt zum Absturz bringen will, oder ihn als Entführungsopfer einer kriminellen Vereinigung gesehen - und sie kam als unvorhersehbarer Faktor dazu, doch jetzt lauschte sie gespannt seinem Schweigen. Einen Augenblick hatte Praxeda das unheimliche Gefühl, daß seine Ausführung die Wahrheit war, jetzt würde sie nur noch jemanden finden müssen, der an sie glaubt.
"Das wird erst der unvorhersehbare Faktor zeigen", beantwortete Robbie ihre Frage. "Die Guten stehen meist mutterseelenallein da!"
Ein Gedankenblitz ließ Praxeda einen Augenblick in der Realität aufhorchen. "Irgendetwas stört mich an der ganzen Geschichte!", hörte sie jemanden mit ihrer Stimme sagen. "Was haben die Schurken hier wirklich inmitten der Wildnis verloren?"
Robbie zuckte die Schultern und sah vor seinen Augen, seine schöne Mata Hari immer noch durch den Schnee hetzen, auf der Flucht vor ihren Schergen.
"Wir sind hier inmitten einer spärlich besiedelten Umgebung", lenkte Praxeda, seine Aufmerksamkeit wieder auf sich. "Die nächsten Ortschaften sind beide rund 25 bis 35 Kilometer entfernt. Die Straße führt in die Berge und endet an einer Freizeitanlage, die jetzt geschlossen ist. Wie kommen die Schurken hierher?" Sie blickte Robbie aufgeregt an. "Wieso begehen sie einen Mordversuch, nur um einen Wagen zu stehlen? Wenn sie sich verlaufen hätten, hätten sie doch freudig gewunken! Wieso täuschen sie ein Unglück vor?" Sie legte ihren Kopf zurück und ihre gespreizten Finger auf die Stirn, als könne sie damit ihre Gedanken besser auf einen Punkt konzentrieren. Robbie beobachtete sie aufmerksam und fragte sich, was jetzt wohl in ihrem Kopf vor sich ging. Ihre Augen blickten ihn klar an, als sie sich ihm zuwandte: "Ich vermute, Sie sind ein sehr erfolgreicher Musiker!"Sie sprach in einem Ton, der keine Frage mehr beinhaltete. "Ist es allgemein bekannt, wo Sie sich aufhalten?"
"Nein", sagte jemand mit Robbies Stimme. "Ich habe es niemandem gesagt."
Sie schwieg wieder und legte ihre Finger auf die Stirn, starrte gebannt ins Feuer, als könne sie dort die Informationen, die sie brauchte, herausziehen und für einen Augenblick schlossen sich ihre Augen, als wolle sie das, was sie gerade gesehen hatte, nicht anblicken.
"Fühlen Sie sich schlecht", fragte Robbie besorgt.
Sie schüttelte etwas, was sich wie ein Bein anfühlte: "Ich fühle mich nur seltsam!"
"Fühlen Sie sich unwohl", fragte er weiter.
"Ich habe gerade ein seltsames Gefühl", sagte Praxeda und versuchte ihre Körperteile zu orten. Ihre funkelnden Augen blitzten. "Meine Wahrnehmung ist seltsam verändert. Meine Arme und Beine fühlen sich unendlich lang an."
Robbie wusste nicht so recht, was er mit ihrer Erklärung anfangen sollte. Sie blickte ihn aus großen Augen an: "Ich kann nur hoffen, daß Sie Ihre Eliteausbildung, als Kampfmaschine mit Bravour bestanden haben, denn ich befürchte, wir werden sie noch brauchen." Sie sagte das mit solch einer überzeugung, daß Robbie entschlossen nickte, aber trotzdem aus ihrem Gerede nicht schlau wurde. "Mit den Schurken beginnen, die Guten und die Bösen?", Praxeda lachte über ihren Scherz, den niemand, außer ihr, verstand. "Wissen Sie, was das bedeutet?", brachte sie unter Lachen hervor und ließ ihm keine Zeit zu antworten: "Das wir uns schon mitten in einem Film befinden und keiner, keiner mehr auf unserer Seite steht!"
Robbie fühlte sich, obwohl sein Kichern etwas anderes sagte, mit einem Schlag ernüchtert und beunruhigt. Er blickte sie fragend an, sein Instinkt war gewarnt, doch sein Verstand konnte keine Gefahr entdecken. Irgendetwas musste er verpasst haben. "Ich glaube nicht, daß wir hier irgendeiner Gefahr ausgesetzt sind", versuchte er sich selbst und Praxeda einzureden und schaute ihr tief in die Augen. "Das Gefährlichste hier, sind wir selber", redete er weiter. "Dieses ganze Gerede um einen Krimi, hat Sie unter Einfluss von Pilzen, ein wenig durcheinandergebracht." Er suchte nach einer Bestätigung in Praxedas Augen: "Und nicht nur Sie!"

Stockard Darius und Shona Fox hatten sich behaglich, in die bequemen Sitze der British Airways Maschine, zurückgelehnt. Der Fahrer des Wagens hatte es, trotz des Londoner Weihnachtsverkehrs, rechtzeitig geschafft, sie zum Flughafen zu bringen. Darius trug in sein gedankliches Memo ein, dem Fahrer nach seiner Rückkehr, sofort eine Lohnerhöhung zu geben. Nach dem ersten Whiskey, den die freundlich strahlende Stewardess ihm gebracht hatte, beruhigte sich Darius ein wenig und die Schreckensbilder eines gefesselten, geknebelten Robbie, vor seinem geistigen Auge, hatten sich dahingehend gewandelt, daß er ihn jetzt wohlbehütet, mit einer schönen Frau im Arm, vor einem flackernden Kaminfeuer sitzen sah. Darius resümierte in Gedanken den Tag und wünschte sich inständig, seine Befürchtungen mögen sich als Trugschluss erweisen. Er beobachtete Shona, die einen Laptop vor sich auf dem Tischchen stehen hatte, eine dunkel getönte Brille trug, die ihn an einen Science Fiktion erinnerte und unermüdlich ihre Tastatur bearbeitete. "Sie sollten sich ein wenig ausruhen", sprach er sie an, nachdem sie seinem musternden Blick keine Beachtung geschenkt hatte.
Shona schenkt ihm ein strahlendes Lächeln und einen schnellen Seitenblick, hatte aber scheinbar keine Zeit, ihm zu antworten, sondern hackte weiter in ihre Tastatur. Ihm fiel ein, daß Shona von Kadda und Malcolm mit siegessicherem Blick eine Banknote kassiert hatte. "Worum haben Sie gewettet?", fragte er, nachdem er ihr einige Minuten weiterhin zugesehen hatte.
"Wir haben gewettet, wie lange es dauert, bis Sie bei uns unten sind", sagte Shona grinsend und warf ihm einen überraschen Blick zu.
"Sie haben gewonnen!"Darius blickte sie neugierig an. "Was haben Sie geschätzt?"
"Drei Minuten nach Ihrem Anruf in der Schweiz."
"Ah!", Darius wagte nicht zu fragen, woher sie so schnell wusste, das er mit der Schweiz telefoniert hatte. "Was haben Kadda und Malcolm gesagt?", fragte er stattdessen.
"Kadda zwei Minuten und Malcolm vier", antwortete sie knapp.
Darius lachte erst, schwieg dann und sein Blick verfinsterte sich für einen Augenblick. Shona bemerkte seine mürrischen Blick und schaute ihm geradewegs in die Augen.
"Ich bin Ihre Sicherheitsexpertin, Stockard", sagte sie fast zähnefletschend, doch in ruhigem Tonfall zu ihm. "Sie können mich gerne feuern, wenn Ihnen meine Arbeitsweise nicht gefällt, doch erst nachdem wir diese ganze Sache hier geklärt haben."
"Bewahre! Shona!", sprudelte ihr ein aufgebrachter Darius entgegen. "Sie sind die beste Sicherheitsexpertin, die wir je hatten. Seitdem Sie bei uns sind, hat es noch nie einen Sicherheitsmangel gegeben."
"Hätten Sie mich gleich informiert, daß Winterblum verschwunden ist, dann würden wir, statt hier im Flugzeug", Shona wechselte ihren zynischen Tonfall gegen ein charmantes Säuseln: "Bei einem wundervollen Abendessen im Kerzenschein sitzen, leise Musik hören und ein köstliches Essen verspeisen. Uns zuprosten und tief in die Augen blicken!"
"Ach, Shona, ich liebe Sie", rief Darius freudig aus und schlug sich lachend mit der Hand auf sein Knie. "Seit einem Jahr lade ich Sie fast jeden Tag zum Essen ein und jeden Tag lassen Sie mich wie einen Trottel dastehen!"
"Sie finden ja auch fast jeden Tag einen annehmbaren Ersatz", entgegnete die grinsende Shona spitz.
"Das ist nur Zeitvertreib und keine Liebe!", sagte Darius lachend.
"Wissen Sie, Stockard", entgegnete Shona kühl. "Sie lieben immer nur das, was Sie nicht haben können. Sobald es für Sie erreichbar geworden ist, langweilt es Sie. Das ist Ihr ganz persönliches Problem und ich will mit Sicherheit nicht Ihr Spielzeug sein!"
Darius blickte sie verwundert an, welcher Ernst in ihrer Stimme lag.
"Ich bin Ihre Sicherheitsexpertin!", fügte sie lachend hinzu und brachte ihn damit zum Lachen.
Shona widmete sich wieder ihrer Tastatur zu und bearbeitete sie, als müsse sie die verstrichene Zeit aufholen.
"Was tun Sie da die ganze Zeit?", sprach Darius sie erneut an,
"Das wollen Sie nicht wissen, glauben Sie mir das!", raunte Shona ihm zu und reichte ihm stattdessen eine dieser Science Fiktion Brillen, die sie aus ihrem Handgepäck kramte. "Setzen Sie die Brille auf!", sagte sie bestimmt, nachdem er sie genommen hatte, aber keineswegs aufsetzen wollte.
Darius setzte sie auf und blickte verblüfft auf die verschiedenen Monitore, die ein Bild auf der Innenseite der Brille, zeigte.
"Rechts sehen Sie gerade die Kontobewegungen der Vereinigung zur Rehabilitation von Straftätern: Goldschlund", erklärte Shona, ohne seine Verblüffung zu beachten. Darius bemühte sich, die ratternden Zahlenreihen zu entziffern. "Links ist eine Liste der Telefonanrufe, die Praxeda Empress in den letzten vierundzwanzig Stunden getätigt hat, die anderen Fenster sind Buchung für Taxi, Flugzeug, Schneeschlitten und was wir sonst noch so brauchen, wenn wir angekommen sind", erklärte Shona weiter. "Dann sind da noch die Fenster für Loretta Diamond, alias Vanessa Praxton, Crazy Will und Winterblum."
Darius riss sich die Brille von der Nase. "Wie können Sie nur diese Unmengen von Daten gleichzeitig aufnehmen?", rief er erstaunt aus und bewunderte ihr Organisationstalent.
"Das kann ich gar nicht."Shona blickte weiterhin gespannt auf das innere ihrer Brille. "Dazu brauche ich Kadda und Malcolm."
"Sie sind doch aber gerade nicht online!", sagte Darius, sich seiner Aussage sicher.
"Das wollen Sie nicht wissen, glauben Sie mir das!", wiederholte Shona ihren Satz von vorhin und grinste, als hätte sie ein Geheimnis.
Darius setzte wieder seine Brille auf und versuchte die Ordnung der Informationsfenster zu erkennen."
"Wir benutzten ein paar Frequenzen die nicht benötigt werden", murmelte Shona ihm zu und überließ ihn weiter der Bilderflut.
"Können Sie mir erklären, was das alles bedeutet?", fragte er nach einer Weile, in der er aus der Art der Informationen nicht schlau wurde.
"Ich kann Ihnen eine grobe Zusammenfassung geben, das ist, denke ich, für Sie verständlicher."
Darius wollte schon antworten, er hätte keine Verständigungsschwierigkeiten, doch ein weiterer Blick auf das verwirrende Durcheinander auf der Brilleninnenseite, belehrte ihn eines Besseren und er nickte zur Bestätigung..
Shona setzte ihre Brille ab, Darius tat es ihr nach und sie blickte sich, bevor sie sprach, zuerst um, ob einer der Mitreisenden ihrer Unterhaltung Aufmerksamkeit schenkte. Sichtlich befriedigt, von ihrer Rundschau klärte sie ihn, nach einem schnellen Blick auf die Uhr am Monitor, auf. "Wir fliegen noch rund eine Stunde. Also die Zusammenfassung: Loretta Diamond, alias Vanessa Praxton, dreiundzwanzig Jahre alt, wuchs in verschiedenen Internaten von den Vereinigten Staaten, bis Großbritannien, Schweiz, Holland, Deutschland und noch einiger anderer Staaten auf." Shona hatte eine gelehrsame Miene aufgesetzt und Darius lauschte gespannt, wie es weitergehen würde. "Aus den meisten Internaten wurde sie aufgrund irgendwelcher Skandale hinausgeworfen. Den letzten Skandal hat es vor etwa zwei Jahren in einem Internat in Luxemburg gegeben. Vanessa verführte den Schulleiter und einige Klassenkameradinnen haben sie dabei gefilmt. Sie versuchten den Schulleiter zu erpressen, doch er gestand seinen Fehler ein und bat um seine Entlassung. Die Medien haben damals einen Wirbel um den, für die Sittsamkeit gefährlichen Schulleiter gemacht und nach seiner Entlassung ist er spurlos verschwunden. Seit zwei Jahren lebt Vanessa Praxton überwiegend in der Schweiz und ist, als Loretta Diamond, Mitinhaber der Agentur Rosenblüte! Der andere Teilhaber ist eine Schulfreundin von Vanessa aus Luxemburg, Meloury Killmer. Sie war auch in den Skandal um den Schulleiter verwickelt. Vor einem Jahr wurde Vanessa einmal in den Vereinigten Staaten, wo sie zu jener Zeit auch einen Wohnsitz hatte, wegen Drogenbesitz festgenommen. Sie wurde vom FBI verhaftet! War ein paar Tage in Gewahrsam und kam, ohne eine Vorstrafe davon! Drei Tage später zog sie wieder in die Schweiz."
Eine Stewardess kam und fragte nach ihren Wünschen. Darius wollte sie schon ärgerlich fortscheuchen, doch Shona bat sie freundlich lächelnd um zwei Wasser und einen Whiskey für Darius. Solange die Stewardess hantierte, bemühte sich Darius aus dem Fenster zu starren und seine Ungeduld zu verbergen. Shona bedankte sich bei der Stewardess und sprach erst weiter, als sie außer Hörweite war.
"Madolyn Praxton, geborene Maxime, Vanessas Mutter, lernte Praxton vor 24 Jahren in Monte Carlo kennen. Sie war Tänzerin in einem Lokal. Sie heiratete William Praxton, ein Jahr vor Vanessas Geburt. Seit rund vier Jahren ist Madolyn von der Bildfläche verschwunden, taucht aber unter ihrem Mädchennamen; als Vorsitzende der Vereinigung zur Rehabilitation von Straftätern: Goldschlund, wieder auf."
Darius hob erstaunt eine Augenbraue hoch: "Der Vereinigung der Caleb Cheyenne seine gesamten Konten überschrieben hat?" Shona nickte.
"Dann haben wir noch andere Modelagenturen, die länderübergreifend mit Rosenblüte in Kontakt stehen, unter die Lupe genommen! Insgesamt sind wir auf zwölf weitere mutmaßliche Entführungen und einige duzend Geldtransaktionen von Kunden dieser Agenturen an Goldschlund, gestoßen!"
"Klingt nach einer internationalen Verbrecherorganisation", sagte Darius und wartete gespannt auf weitere Informationen.
Shona nickte wieder und sprach weiter: "William Praxton, Crazy Will, lebt seit vier Jahren in Luxemburg und hat das Land seither nicht mehr verlassen. Ihm werden einige Banküberfälle, Waffenschiebereien, Drogenhandel, Bestechungen und Korruption in verschiedenen Ländern zur Last gelegt, doch die Beweise waren niemals ausreichend, daß gegen ihn ein Haftbefehl erwirkt wurde. Sein persönlicher Assistent, Jeroen Imogen, hat vor etwa zwei Jahren seinen Dienst beim FBI quittiert und kurz darauf bei Praxton angefangen." Shona trank einen Schluck Wasser und nahm den Faden wieder auf. "Praxeda Empress. Oberflächlich betrachtet scheint mit ihr alles in Ordnung zu sein. Doch irgendetwas ist zu glatt, an ihrem Lebenslauf!"
Darius trank einen Schluck seines Whiskys, er wollte nicht durch unnötige Fragen, Shonas Konzentration stören und blickte sie weiterhin gespannt an.
"Sie hat seit acht Jahren einen Wohnsitz in den Staaten, genau genommen in New York und seit drei Jahren eine Wohnung in London. Keine Vorstrafen, nicht einmal einen Eintrag wegen Geschwindigkeitsübertretung, aber einen Waffenschein!"
Darius pfiff durch die Zähne, unterbrach Shona aber nicht.
"Ihr Beruf wird mit Autorin angegeben. Sie hat vor zwei Jahren ein Drehbuch verkauft, daß letztes Jahr verfilmt wurde. Muse gesucht, vielleicht erinnern Sie sich an den Film, er hat sehr gute Kritiken gehabt."
Darius nickte, und konnte sich, als er an den Film dachte, ein Grinsen nicht verkneifen.
"Der Eigentümer ihrer New Yorker Wohnung ist die Central Intelligence Agency!"
"Sie meinen, sie könnte eine Agentin des CIA sein?"Darius blickte Shona überrascht an.
Sie zuckte mit den Schultern: "Möglich wäre das! Sie hatte in den letzten drei Jahren einige Visa für verschiedene Länder und davor ist sie rund fünf Jahre, in denen sie auch sonst unauffällig war, nicht ein einziges Mal verreist gewesen. Sie hatte bis vor drei Jahren keinerlei Kontobewegungen oder Ausgaben. Das Einzige was wir vermutlich ganz genau wissen ist, daß sie die Ferienwohnung tatsächlich vor einer Woche telefonisch bestellt hat und sich heute morgen dahin auf den Weg gemacht hat. Die Ferienwohnung hat zwar Telefon, doch es geht niemand ran. Unsere Sicherheitsleute sind gerade beim Hausverwalter gewesen und er konnte sie aufgrund eines Fotos identifizieren. Die Leute brauchen noch einige Zeit, bis sie das Anwesen erreichen. Der Wagen, den Praxeda Empress heute morgen gemietet hat, wurde etwa zwei Kilometer vom Anwesen entfernt, geortet. Er scheint sich nicht von der Stelle zu bewegen." Shona schwieg und Darius versuchte, sich die Mengen an Informationen, noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.
"Sollten wir nicht die Geheimdienste informieren, oder zumindest die Schweizer Staatspolizei", fragte er schließlich.
Shona schüttelte den Kopf: "Zu diesem Zeitpunkt wäre das unklug. Man würde sich nur darauf konzentrieren, wie wir an unsere Informationen gelangt sind. Niemand wäre außerdem schneller da, als wir! Wenn Sie wollen, können wir dem Secret Service oder Interpol, wenn wir das hier heil überstanden haben, ein paar anonyme Hinweise schicken. Aber jetzt hat das, denke ich, keine Priorität!"
"Wie lange wird es dauern, bis wir am Anwesen sind?", fragte er schließlich.
"Vermutlich Mitternacht", erwiderte Shona. "Vielleicht auch etwas früher. Das kommt auf die Witterungsverhältnisse an."
Darius begann nervös mit seinen Fingern auf der Sessellehne zu trommeln, doch ein missbilligender Blick von Shona brachte ihn dazu, sich im Versuch der Entspannung zurückzulehnen und abzuwarten.
Shona lächelte ihn freundlich an: "Genießen sie die halbe Stunde, in der Sie noch Ruhe haben. Gleich wenn wir angekommen sind, bringt uns ein Wagen zu einem Schneeschlittenführer, der uns zu einem kleinen Flughafen bringt, wo wir in eine kleine Sportmaschine steigen, die uns zu einem weiteren Schneeschlittenführer bringt, der uns in die Berge fährt."
Darius Finger bearbeiteten wieder nervös die Sessellehne, doch Shona legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. "Dem Telefonsignal zu Folge, befindet sich Vanessa Praxton rund 30 Kilometer vom Anwesen entfernt. Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen Stockard. Wo könnte Winterblum besser aufgehoben sein, als in den Armen einer schönen CIA Agentin?"

Jeroen Imogen streckte die Hand nach dem klingelndem Telefon aus und hob gelangweilt den Hörer an sein Ohr. Nach wenigen Sekunden, verwandelte sich sein gelangweiltes Gesicht in eine versteinerte Miene. Er zischte: "Augenblick!", ins Telefon und winkte Crazy Will. "Boss, unsere Leute haben Lorettas Wagen gefunden! Rip ist am Apparat", erklärte Jeroen sachlich. Er stellte das Telefon auf freisprechen und sagte zu dem Anrufer: "Der Boss hört zu!"
Vom anderen Ende der Leitung war nichts, als betretenes Schweigen zu hören. Eine Stimme räusperte sich und begann zögerlich zu sprechen: "Boss? Wir haben Lorettas Wagen gefunden."
"Wo zum Teufel steckt dann Loretta?", blaffte Crazy Will zurück.
"Boss? Der Wagen ist eine Böschung heruntergestürzt und liegt halb in einem See."
"Ist Loretta was passiert?", Crazy Wills Stimme klang ruhig und gefährlich.
"Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Die Strecke ist völlig gerade und wie immer sie da unten hingekommen sind, freiwillig haben sie das gewiss nicht gemacht."
"Habt ihr denn im Wagen nachgesehen?", fragte Jeroen ungeduldig.
"Ja! Natürlich! Keine Spur von Loretta oder ihrem Chauffeur. Noch etwas Boss", entgegnete der Anrufer und hüllte sich wieder in Schweigen.
"Was?", knurrte Crazy Will, als der Anrufer länger schwieg, als seine Geduld vertragen konnte.
"Wir haben Blut im Wagen gefunden."
"Wie habt ihr den Wagen überhaupt gefunden, wenn er unten an der Böschung liegt?, unterbrach Jeroen den Anrufer.
Wieder ein Räuspern: "äh, wir haben ihn nicht gefunden!"
"Wer hat ihn denn gefunden?", Crazy Will wuchtete seinen gewaltigen Körper aus seinem Sessel hoch und baute sich drohend am Schreibtisch auf.
"äh, das waren Leute von einem Sicherheitsdienst, die sagten, sie hätten den Wagen mit einem Ortungsgerät gefunden. Wir taten so, als wären wir zufällig vorbeigekommen, weil wir unsere Familien in der Gegend besuchen wollen."
"Wo sind diese Sicherheitsleute jetzt?", fragte Jeroen und ahnte schon, daß der Anrufer noch einiges verschwieg.
"äh, sie liegen im Wagen", gab der Anrufer zögerlich zu.
"Liegen?", knurrte Crazy Will.
"Boss, sie haben komische Fragen gestellt: Sind sie schon lange hier in der ländlichen Umgebung und wie weit es noch zur Siedlung Eden ist. Was sollen wir tun, Boss? Loretta suchen?"
"Sind sie tot", fragte Jeroen langsam und blickte gespannt auf Crazy Will.
"Nein, Trucker hat sie nur mit dem Betäubungsgewehr erlegt. Wir haben uns an die Order gehalten. Was sollen wir mit ihnen machen Boss?"
Crazy Will blickte mit Falkenaugen auf Jeroen, der unbefangen dem Blick seines Bosses standhielt.
"Ihr gottverdammten Idioten!", brüllte der Boss dem Anrufer entgegen. "Ihr könnt froh sein, daß ihr jetzt keine beschissenen Morde am Arsch habt." Crazy Wills Gesichtsfarbe glich einem Puter in der Paarungszeit und er ließ sich schnaufend wieder in seinen Sessel fallen. Er bedeutete Jeroen in seiner Zeichensprache, durch eine wegwischende Bewegung, daß er ihm freie Hand ließ und Jeroen instruierte den Anrufer.
"Als erstes ruft ihr alle Krankenhäuser und ärzte an, ob Loretta und ihr Chauffeur irgendwo eingeliefert wurden. Dann sorgt ihr dafür, daß diese Leute am Leben bleiben, am Besten bringt ihr sie in das nächste Krankenhaus. Seid ihr sicher, daß Loretta nicht ertrunken ist?"
"Ja, der Wagen ist ins Eis eingebrochen und steckengeblieben. Das Wasser hat gerade mal den Fahrersitz erreicht."
"Wo ist das Blut gewesen?", fragte Jeroen weiter und begann mit seinem Laptop zu hantieren.
"Auf dem Rücksitz. Hier liegt auch noch ein Telefon." Der Anrufer schwieg wieder und Jeroen hörte aus dem Schweigen, daß etwas noch nicht gesagt wurde.
"Was gibt es sonst noch?", fragte Jeroen in einem ungeduldigen Tonfall.
"äh, Boss? Diese Typen haben ein Mädchen gesucht und wir haben auch noch ein Foto von Loretta bei ihnen gefunden."
"Haltet euch an die Instruktionen!", gab Jeroen in einem Tonfall zurück, der keinen Widerspruch duldet und beendete das Telefongespräch. Crazy Will, saß in seinem Sessel und beobachtete Jeroen aufmerksam.
"Diese verdammten schießwütigen Schwachköpfe", grunzte Will Praxton seinem Assistenten entgegen. "Du hast eigenmächtig Anordnungen getroffen, ohne die wir jetzt ein paar Leichen am Hals hätten. Ich bin nur von Schwachköpfen umgeben. Der einzige Mensch, auf den ich mich noch verlassen kann, sitzt hier mit mir, am falschen Ort."
"Ist das ein Lob oder eine Drohung Boss?", fragte Jeroen und rang seinem Boss damit ein Grinsen, aber keine Antwort ab.
"Winterblum wird dafür bluten", sagte er stattdessen und wuchtete erneut seinen mächtigen Leib aus seinem Sitz empor. "Wir fliegen in die Schweiz", klärte er seinen Assistenten auf.
"Das ist zu gefährlich, Boss", entgegnete Jeroen und blickte erstaunt auf seinen Chef. "Nicht nur, daß hier heute am Telefon Sachen gesagt wurden, die uns alle in den Knast bringen können, wenn der Verschlüsselungscode geknackt wird, jetzt willst du dich auch noch auf den Präsentierteller setzten?"
"Bereite alles für die Reise vor und hol mir diese Schwachköpfe Pitsch, Snake und Rustin ans Telefon."
Jeroen glaubte schon, der Chef würde wieder nach seinem Serviermädchen brüllen, doch Crazy Will ging wortlos aus dem Zimmer. Der Assistent tippte nachdenklich einige Zeilen in seinen Computer und folgte in Gedanken seinem Chef, an den einzigen Ort, an den er ihn niemals begleiten durfte.

Crazy Will Praxton schleppte seine Körpermasse durch die gewaltigen Weinkellergewölbe seines Anwesens. Er schnappte sich eine Flasche Wein, studierte zufrieden den Jahrgang und schritt vor eine Wand, hinter der kein Mensch weitere Gewölbe vermutet hätte. Er vergewisserte sich noch einmal, daß niemand seiner Angestellten sich hier herumschlich und schob einen kleinen Schlüssel, den er um den Hals trug, in ein Schlüsselloch, das hinter einem Mauerstein verborgen war. Das Weinregal, das vor der Mauer stand, schwang lautlos, bis auf ein leichtes Klirren der Weinflaschen die darin lagen, zur Seite und eine dahinter verborgene Tür glitt geräuschlos auf und er trat ein. Vor ihm lag der komfortabel eingerichtete, riesige Kellergewölberaum, der jetzt in schummeriges Licht getauchte war. Eine zierliche, schlanke Frau, in einem schmucklosen grauen Kleid, saß auf einer Couch und las im schwachen Lichtschein einer Leselampe, in einem Buch, das sie vor sich auf dem Schoß liegen hatte. Sie blickte nicht auf, als Crazy Will das Zimmer betrat, klappte jedoch den Buchdeckel zu, als wolle sie nicht, daß er durch seinen Blick den Inhalt beschmutzte.
"Madolyn?", Crazy Will war immer wieder verwundert, wie schön sie doch ist. Er holte zwei Gläser aus einer Anrichte, öffnete den Wein und ließ sich damit krachend, gegenüber Madolyn, auf eine Couch sinken.
"William", sagte sie schließlich und ihre klaren Augen blickten ihm ins Gesicht.
Er schenkte ein Glas Wein ein und reichte es ihr ächzend über den Tisch. Madolyn nahm das Glas und fixierte Praxton weiterhin mit ruhigem Blick. Er schenkte sich ebenfalls einen Wein ein und lehnte sich damit zurück. "Ich verreise", sagte er schließlich nach einer Weile, in der er sie stumm betrachtet hatte.
"Warum sagst du mir das?", fragte Madolyn ruhig. "Du warst lange nicht hier unten, William."
"Bist du die Gesellschaft deines Liebhabers schon leid?", Crazy Wills Gesicht nahm ein bitteres Grinsen an.
Madolyn schwieg mit versteinerter Miene und ihre Augen blickten hart auf ihr Gegenüber. "Du hast deinen besten Freund ermordet, weil du dachtest, wir hätten ein Verhältnis. Tut es dir nicht leid?", Madolyn blickte traurig auf eine Wand, die hinter einem Teppich verborgen war.
Crazy Will folgte ihrem Blick. "Willst du ihn nicht einmal mehr sehen?"Sein hämisches Lachen breitete sich im Raum aus. "Wenigstens behält er sein gutes Aussehen!"Crazy Will lachte über seinen eigenen Scherz.
"Tut es dir nicht leid, daß du Winston ermordet hast?", fragte Madolyn ihn erneut.
Er schüttelte den Kopf und sie stand langsam auf, schritt auf die, hinter dem Teppich verborgene Wand, zu und riss mit einem Ruck den angebrachten Teppich herunter. Er war fast erschrocken über den gespenstischen Anblick, den sein ehemaliger Geschäftspartner Winston Wood, aufrecht stehend, nur mit einem Feigenblatt bekleidet, in seinem gläsernen, bläulich grün beleuchtetem, Formaldehyd getränktem Sarg bot.
"Schau ihn dir gut an, William!", sagte sie mit einer Stimme, die ihm fast eine Gänsehaut über den Rücken trieb. "Du bist ein grausamer Mensch, William", sagte Madolyn und setzte sich langsam wieder auf die Couch, ohne dem beleuchtetem Sarg einen weiteren Blick zu schenken.
"Loretta ist verschwunden!", sagte Crazy Will, ohne den Blick von dem gespenstischen Szenario abzuwenden.
Sie blickte ihn fragend an.
"Vanessa ist verschwunden!", wiederholte er und stürzte sein Glas Wein in einem Zug hinunter.
"Dann hoffe ich, daß sie mit einem guten Mann davongelaufen ist, William", erwiderte Madolyn ruhig, doch ihre Augen trugen einen besorgten Blick.
Crazy Will schwieg eine Weile, blickte sich in dem Gefängnis um und hatte schließlich die passenden Worte gefunden. "Ich werde sie suchen und jemand wird dafür bezahlen!", brachte er knurrend hervor.
"Ich sage dir, wenn Vanessa mit einem Mann davongelaufen ist und du ihn tötest, wird Gott dich dafür strafen", sagte sie bitter. "Vanessa wird in dir endlich das Scheusal erblicken, daß aus dir geworden ist, daß du jetzt bist."
"Vanessa ist mein Kind. Sie liebt ihren Vater!", sagte Crazy Will bestimmt.
"Du sprichst von Liebe und hast das Böse so tief in dein Herz gelassen?"Madolyn lachte bitter.
"Du hörst dich an, wie eine Pastorentante", Crazy Will lachte unamüsiert über seine Worte. "Hast den falschen Lesestoff!"
"Ich wünsche dir einen Gegner, der keine Angst vor dir hat", fügte sie mit ruhiger Stimme hinzu. Madolyn betrachtete ihn kühl: "Glaubst du nicht, Vanessa wird eines Tages herausfinden, daß du mich hier gefangen hältst?"
Crazy Will wuchtete seine Masse aus dem Sofa hoch und grabschte über den Tisch hinweg nach dem Buch, das auf dem Sofa lag. "So ein Schwachsinn", sagte er verächtlich. "Techniken und Methoden der Hypnose, da gehören Wissenschaftler und verschiedene Seren und Instrumente dazu, glaubst du das würde so funktionieren?" Verächtlich warf er das Buch in eine Ecke und machte sich auf den Weg das Zimmer zu verlassen. Er schob wütend die Tür zu, so daß er nicht mehr hörte, was Madolyn lächelnd sagte: "Das hat es schon, William. Das hat es schon!"

Jeroen Imogen spürte, wie sich die mächtige Pranke von Crazy Will Praxton auf seine Schulter legte.
"Hast du alles vorbereitet?", fragte der Boss knapp.
Jeroen nickte. Das Reisegepäck stand bereit, die Gefolgsleute waren instruiert und die Reise fast fertig organisiert. "Ich habe inzwischen auch Snake und Rustin am Telefon gehabt. Diesmal haben die Dummköpfe wenigstens nicht vergessen, die Telefone eingeschaltet zu lassen. Sie warten auf weitere Instruktionen", sagte Jeroen und holte tief Luft. "Es gibt allerdings am Flughafen Schwierigkeiten, weil keine Plätze mehr frei sein sollen, ich denke wir sollten improvisieren", er blickte seinen Chef erwartungsvoll an. "Sicher können wir Flugkarten kaufen, wenn wir einen guten Preis bieten. Der nächste Flieger geht in vierzig Minuten. Wir werden von unseren Leuten, in der Schweiz, am Flughafen erwartet."
Crazy Will nickte knapp.
"Wie wollen wir vorgehen, Boss?", fragte Jeroen und blickte Crazy Will gespannt an. Jeroen fand, die Kleidung seines Chefs sah meistens, wenn er, wie er vermutete, aus dem Keller kam, zerknittert und abgerissen aus. Hin und wieder fehlten sogar einige Knöpfe. Heute jedoch, war nur seine Krawatte verrutscht. Erst hatte er ein wildes Tier im Keller vermutet, doch Crazy Will hatte niemals Kratz- oder Beißspuren. So blieb ihm nur vage Vermutung.
"Ich will diesem Schweinehund alle Glieder einzeln herausreißen!", grunzte Crazy Will und zerquetschte einen Apfel, den er aus einer Obstschale genommen hatte, zwischen seinen Pranken.
"Wem? Boss?", fragte Jeroen zögerlich, immer noch im Unklaren darüber, was der Boss überhaupt vorhatte.
"Winterblum", knurrte Crazy Will zurück und schleuderte die zerquetschten Apfelreste wütend auf den Boden.
Leise, ohne anzuklopfen, glitt mit katzenhafter Bewegung, eine schwarzverhüllte Gestalt in das Zimmer und verbeugte sich stumm vor Crazy Will. Lediglich durch einen schmalen Augenschlitz, waren zwei blitzende, dunkle und gefährliche Augen zu erkennen Jedes Mal, wenn Jeroen den stummen Diener von Crazy Will zu Gesicht bekam, was wahrlich nicht oft vor kam, überkam ihn eine Gänsehaut, die ihm schleichend durch das Rückrat kroch. Ob er wirklich stumm war, oder nur nicht sprach, hatte er bei diesen Begegnungen nicht herausgefunden.
"Du sorgst dich um alles!", instruierte der Boss mit ruhiger Stimme den Verhüllten.
Die Gestalt verbeugte sich wieder und glitt so leise, wie sie ins Zimmer gekommen war, wieder hinaus. Jeroen hatte noch nicht herausgefunden, was der Verhüllte für Aufgaben zu erfüllen hatte, doch er war sich sicher, daß es mit dem Geheimnis im Keller, insgeheim nannte er es Williams Mysterium, von dem er schon ahnte, was es sein könnte, in Zusammenhang stand. Ohne seine Gedankengänge weiter zu beachten, wandte sich Jeroen wieder aufmerksam dem Boss zu.
"Wie wollen wir vorgehen?"
Der Boss schwieg sich aus.
"Ich habe noch weitere Leute auf die Suche nach Loretta geschickt!", erklärte Jeroen und erwartete eine Reaktion seines Boss. "Und wenn Carlos, Loretta entführt hat?"
Crazy Will blickte für einige Sekunden erstaunt auf Jeroen, winkte aber gleich ab. "Das würde Carlos nicht wagen!"
"Boss, das ist doch eine fixe Idee, Winterblum für Lorettas Verschwinden bezahlen zu lassen", Jeroen stockte, als er den wütenden Blick von Crazy Will bemerkte. "Unsere Leute können das für dich erledigen", fügte er in harmlosen Tonfall an. "Vielleicht hat Darius auch Sicherheitsleute losgeschickt, um Loretta zu suchen, weil sie nicht, wie vereinbart, angekommen ist!"
"Dann will ich mich selbst davon überzeugen! Wir fahren zu Winterblum!"
"Wie wollen wir dann vorgehen?", fragte Jeroen zum wiederholten Mal, gespannt, was der Boss jetzt wieder für eine geniale Idee haben würde.
Der Boss hatte sich wieder in seinen Sessel gesetzt und seine Stirnfalten zeugten davon, daß er nachdachte. Crazy Will dachte einen Augenblick an Snakes Verbesserungsvorschläge, Betäubungsgas aus dem Hubschrauber abzuwerfen und mit einer kleinen Einheit das Gelände zu stürmen, doch der einzige Hubschrauber, der zur Verfügung stand, war bereits in Eden. "Sind diese Schwachköpfe inzwischen auf Position?", fragte der Boss grunzend.
"Rustin sagte, er hätte inzwischen den Hubschrauber gefunden, jetzt wartet er darauf, daß Pitsch und Snake dort wieder auftauchen."
Crazy Will bedeutete Jeroen ihm Schreibzeug zu bringen und beugte sich damit über den Tisch, mit dem Schreiber nervös auf die Tischplatte klopfend. "Haben Pitsch und Snake die Schnalle inzwischen gefunden?" Jeroen schüttelte den Kopf. "Nein, Boss. Ich habe ihnen dann Rustins Koordinaten gegeben, sie sind jetzt auf dem Weg zum Hubschrauber."
"Hol mir diese Schwachköpfe ans Telefon!"Crazy Will begann mit seinem Stift auf dem Block, der vor ihm lag, etwas zu skizzieren.
Jeroen wählte nacheinander an zwei Telefonen die Rufnummern und stellte die Telefonanlage auf Konferenzschaltung. Es dauerte einige Sekunden, bis die Klingeltöne erklangen und sich vom anderen Ende der Leitung aufgeregte Stimmen meldeten.
"Ja, Boss?"
"Boss?"
Crazy Will überlegte noch einige Sekunden und bellte dann seine Befehle: "Rustin, du wartest, bis Pitsch und Snake bei dir sind. Dann bringst du eine Sprengladung am Sicherheitstor an."
"Soll ich das Tor schon aufsprengen?", fragte Rustin kleinlaut.
Jeroen beobachtete aufmerksam seinen Chef, was jetzt kommen würde. Crazy Will ignorierte Rustins Frage und sprach unbeirrt weiter: "Snake, ihr bringt den Wagen der Schnalle erst vor das Sicherheitstor und wenn Rustin das Tor sprengt, überwältigt ihr die Sicherheitsleute mit dem Betäubungsgewehr. Rustin, du holst dir dann deine Köter und suchst die Frau! Wie heißt die Schnalle und wo wohnt sie?"
Es dauerte einige Zeit, bis Snake, der irgendwo zu kramen schien, antwortete. "Sie heißt Praxeda Empress, wohnt in London in der Park Lane 23, Mayfair."
"Snake, ihr haltet dann die Sicherheitsleute in Schach, bis wir Eintreffen."
"Eintreffen? Boss?", Snakes Stimme hatte fast die Beherrschung verloren.
"Das ist ein Befehl!", brüllte Crazy Will zurück und bedeutete Jeroen, die Verbindungen zu unterbrechen.
"Was hast du vor, Boss?", fragte Jeroen und blickte gespannt auf Crazy Will.
"Du schickst ein paar Leute aus London in diese Wohnung und sorgst dafür, daß aus dieser Empress ein psychopatischer Fan wird! Ein paar Fotos und Zeitungsartikel, ein bisschen Sprengstoff, ein paar Pistolen, ein paar Drohbriefe! Wir haben unsere Mörderin schon gefunden! Falls sie noch lebt, nehmen wir einen unserer Wissenschaftler mit, der wird ihr die Wahrheit schon einbläuen!" Crazy Will klatschte sich freudig in die Hände. "Dann schickst du noch jemanden in Lorettas Wohnung und zu Rosenblüte. Vielleicht finden wir dort einen Hinweis, wo zum Teufel Loretta steckt!"
Jeroen begann sofort, nach einem schnellen Blick auf die Uhr, die Instruktionen zu befolgen. Nach ein paar Minuten, hatte er alles geordert und blickte seinen Chef auffordernd an: "Wir müssen los, Boss!"

"So eine Scheiße", brüllte Snake. "So ein scheiß hirnverkackter Rattendreck!" Pitsch schaute seinen Beifahrer verwundert an. Eben noch hatte Snake, sich freudig die Hände über den Kopf geschlagen, als Jeroen ihm die Koordinaten des Hubschraubers gab und ihnen sagte, daß Rustin dort auf sie warten würde und jetzt fluchte er und schlug mit der Faust wütend auf die Konsole ein. Pitsch wollte gerade nachfragen, als plötzlich zischend der Beifahrer-Airbag des Wagens, der hinter der Konsole steckte, aufsprang und Snakes nächste Schimpftiraden verschluckte. Snake hieb wütend auf den Airbag ein und fluchte weiter. Er zog schimpfend ein Taschenmesser aus seiner Tasche und fing an, den Airbag damit zu bearbeiten. Pitsch ließ ihn machen und fuhr seelenruhig konzentriert weiter, bis ein Schrei von Snake ihn aufmerksam machte. Snakes schmerzverzerrtes Gesicht war kreidebleich geworden und er presste sich eine Hand auf sein Bein.
"Du Idiot hast dir dein Messer ins Bein gestochen", bemerkte Pitsch, als rede er über das Wetter.
Snake blickte ihn wütend an. "Halt bloß deine dumme Fresse!"
"Was hat der Boss gesagt", fragte Pitsch, als sei nichts passiert.
Snake wühlte auf dem Rücksitz herum, fand eine Bluse und begann sie in Streifen zu reißen, um damit seine blutende Wunde zu versorgen. "Der Boss kommt her", sagte er, bemüht sich seinen Schmerz nicht anmerken zu lassen.
"Der Boss kommt her?", wiederholte Pitsch, als könne er das Gesagte erst durch Nachplapperei begreifen. "Hierher?" Snake nickte knapp und presste verbissen die Lippen aufeinander. "Wir sollen mit Rustin das Gebäude stürmen, die Sicherheitsleute betäuben und Winterblum in Schach halten, bis der Boss eintrifft!"
"Sollen wir ihn nicht mehr über die Grenze bringen?", fragte Pitsch verblüfft.
Snake schüttelte den Kopf. "Ich denke mal, der Boss will mit ihm eine Rechnung begleichen. Den Wagen hier, sollen wir vor dem Sicherheitstor abstellen."
"Weißt du, was Crazy Will vorhat", fragte Pitsch und kratzte sich am Kopf.
Snake schüttelte wieder den Kopf: "Vielleicht will er Winterblum kaltmachen und alles auf die Empress schieben. Rustin soll sie mit seinen Hunden suchen!" Snake hatte seinen Verband fertig gebastelt und lehnte sich verbissen zurück. "So ein gottverdammter, drecksverkackter Mistscheiß!"

Rustin Dean saß in seinem Luftkissenboot und trommelte nervös mit den Fingern auf die Schalthebel. Damit, daß der Boss selbst nach Loretta suchen würde und jetzt vorhatte Winterblum einen Besuch abzustatten, hatte er nicht gerechnet. Er hoffte nur, daß der Boss ihm nicht auf die Schliche kommen würde. Crazy Will vergisst niemals etwas, fuhr es ihm durch den Sinn und er dachte an vergangene Tage. Damals in Nizza, hatte er in einer einzigen Nacht, alles Geld, was er sich zusammengeschuftet hatte, in einem Spielcasino verspielt und die glorreiche Idee gehabt, es sich wieder zu holen. Der Versuch, den Geldtransport des Kasinos zu überfallen und sich das Geld zurück zu holen, er hätte auch nicht mehr genommen, als er verspielt hatte, war kläglich gescheitert. Natürlich wurde er erwischt, doch anstatt von der Polizei verhaftet zu werden, schliffen ihn drei brutale Schlägertypen blutend zu Crazy Will. Kein Mensch hätte ahnen können, daß das Casino Will Praxton gehört! Praxton ließ ihm nur die Wahl zwischen Tod und Gefolgschaft. Also war ihm die Wahl nicht schwergefallen. Rustin verscheuchte die Gedanken an die Vergangenheit. Das war lange her. Seit ein paar Monaten lebte er nun als Wildhüter hier und hatte Crazy Will schon fast vergessen. Bis heute morgen jedenfalls. Heute hatten sich die Ereignisse überstürzt. Rustin sah in Gedanken vor sich, die schöne Rina Malde, die Dorfpolizistin, die er fast jeden Tag traf. Vorhin erst, hatte sie ihn besucht, um ihm Frohe Weihnachten zu wünschen und ihn nach einem verschwundenen Hund zu fragen! Er hatte ihr ein Bier angeboten, wie jedes Mal, wenn sie kam. Sonst hatte sie immer abgelehnt. Weil heute Weihnachten ist, gerne, hatte sie gesagt und er hatte glückselig geschwelgt.
Was würde Rina wohl sagen, wenn sie von seiner Vergangenheit wüsste? Wenn sie jetzt wüsste, daß er eben dabei war, ein neues Verbrechen zu begehen. Rina Malde, wie klangvoll dieser Name über die Lippen glitt! Rustin schüttelte den Gedanken an Rina Malde ab und versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Sein Herz klopfte und er horchte gespannt in die Umgebung. Snake und Pitsch hatten einen Wagen gestohlen und vermutlich jetzt schon einen Mord begannen, soviel hatte er von Jeroen erfahren. Er sollte eine ausgesetzte Frau suchen und sie zum Anwesen bringen. Wollte man ihr dann ein Verbrechen an Winterblum in die Schuhe schieben? Was würde Crazy Will tun, wenn er erfährt, daß ich ihn hintergangen habe. Und Loretta! Mit honigsüßer, engelsgleicher Stimme hatte sie ihn angefleht, zu tun, was sie verlangte. Und als er sich dann weigerte, gedroht! Sie würde Crazy Will erzählen, er hätte sich an sie rangemacht! Rustin schüttelte den Kopf. Loretta konnte einem fast ebensoviel Angst einjagen, wie ihr Vater. Schließlich hatte er doch nachgegeben und damit Crazy Wills Plan vereitelt. Wie erleichtert war er gewesen, als der Hubschrauber nicht aufgetaucht war! Er hatte alle Wege abgesucht und ihn schließlich doch gefunden, aber jetzt traute er sich nicht zum Hubschrauber zu gehen!
Rustin hörte ein Motorengeräusch und blickte gespannt auf die Straße. Er hatte sein Fahrzeug im Wald verborgen, so daß es unmöglich zu entdecken war. Er stieg aus und schlich um ein paar Bäume herum, um in den vorbeigleitenden Wagen zu blicken. Da der Weg hier am See endete, blieb den beiden Insassen ohnehin nichts anderes übrig, als den Wagen zu wenden und die Strecke zurück zu fahren. Rustin legte sein Betäubungsgewehr an und wartete ab. Wie vorausgesehen hielt der Wagen am Ende des Weges und zwei Personen stiegen aus.
"Hier muss es sein!", knurrte eine Stimme, die Rustin als Pitsch erkannte.
"Snake! Pitsch!", rief Rustin und duckte sich gleich hinter den Baum. Pitsch war für seine Schießwütigkeit bekannt.
"Rustin", sagte Snake, mit einem erleichterten Seufzer, als er sich von dem Schreck, aus heiterem Himmel angesprochen zu werden, erholt hatte.
Pitsch hatte gleich seinen Revolver aus dem Halfter gerissen und fuchtelte damit in der Luft herum. "Erschreck mich nie wieder", brüllte er aufgebracht Rustin entgegen.
Rustin traute sich endlich aus seinem Versteck heraus und trat den beiden Männern grinsend gegenüber. "Ist das euer Hubschrauber, der da auf dem zugefrorenen See steht?"
Pitsch und Snake glotzten ein wenig fassungslos in die Richtung, in die Rustin wies.
"Auf dem See?", keuchte Snake entsetzt und trippelte mit kleinen Schritten in Richtung des Hubschraubers.
"Ist das ein Problem für dich", knurrte Pitsch und steckte den Revolver zögernd wieder ein.
"Nein, eher für euch", entgegnete Rustin und setzte eine besorgte Miene auf. "Ich weiß nicht, wie dick das Eis ist!"
"Warum sollte er einbrechen, wenn er schon seit Stunden da steht", fragte Pitsch und bewies damit einen logischen Geistesblitz. "Wir folgen jetzt den Anweisungen des Boss!", fügte er wichtigtuerisch hinzu.
Snake kam mit gepeinigtem Gesichtsausdruck zurückgewankt und wies Pitsch an, den Wagen die Strecke zurück, bis vor das Sicherheitstor, zu lenken. "Das hat der Boss befohlen!", sagte er mit Nachdruck, als Pitsch lieber mit Rustins Luftkissenboot fahren wollte.
Keiner wollte das Startzeichen geben.
"Wo habt ihr eure Betäubungsgewehre?", fragte Rustin, als er schließlich bemerkte, daß sie beide mit leeren Händen da standen.
Pitsch nickte in Richtung des Hubschraubers: "Dort."
Snake grinste Pitsch an: "Du holst die Gewehre!"
Pitsch wollte sich eben schon weigern, als ein Telefon klingelte. Lieber wollte er sich auf das Glatteis wagen, als jetzt mit dem Boss zu sprechen und wagemutig machte er sich auf den Weg zum Hubschrauber, der durch die wirbelnden Schneeflocken, nur schemenhaft zu erkennen war. Rustin und Snake schauten verwundert ihre Telefone an, keins von beiden klingelte.
"Das ist das Autotelefon!", bemerkte Snake endlich. "Der verdammte Airbag hat es wohl aktiviert", fügte er hinzu. Rustin sah ihn fragend an und Snake winkte ab. Das Telefon klingelte weiter, bis der Anrufer endlich aufgab. Rustin und Snake starrten schweigend auf den See.
Nach einer Viertelstunde kehrte endlich ein schweißgebadeter, keuchender, erleichterter Pitsch, mit drei Gewehren und einem Munitionspäckchen mit Betäubungspfeilen, zurück.
"Also dann!", sagte Rustin erleichtert. "Auf geht's!" Snake und Pitsch nickten nur. Schweigend und konzentriert machten sich die Männer daran, ihre Befehle zu befolgen.

"Praxeda?" Robbie beobachtete ihr versteinertes, statuenhafte Gesicht, das sich hin und wieder mit einem Kichern verzog. "Praxeda?" Sie blickte ihn, wie durch einen Schleier an. "Das Gefährlichste hier, sind wir selber!", redete er weiter und fragte sich, was ihr wohl in die Gedanken geraten war. "Es sei denn, Sie sind tatsächlich eine Agentin und vor der Mafia auf der Flucht!", Robbie lachte über seine eigene Vorstellung und auch Praxeda horchte bei seinen Worten auf.
Schließlich schenkte sie ihm ein Lächeln und einen klaren Blick. "Vermutlich haben Sie recht! Meine Fantasie scheint im Augenblick ein wenig überspannt zu sein!"
"Was hatten Sie denn für einen erschreckenden Gedanken?"Robbie blickte sie neugierig an.
"Ich habe in letzter Zeit ein paar Geschichten gehört, von Schauspielern, die sich auf seltsame Weise verändert haben, ach, vergessen Sie es! Manchmal brennt eben meine Fantasie mit mir durch!" Praxeda schenkte sich einen kalten Tee ein und leerte den Becher in einem Zug. "Nur rein hypothetisch. Angenommen hier geschieht etwas Unvorhersehbares?", sagte sie und Robbie unterbrach sie grienend.
"Der unvorhersehbare Faktor? Dann sind wir unserer Filmhandlung ein Stück näher gekommen!"
"Ich finde nicht die richtigen Worte", fing Praxeda erneut an. "Haben Sie vielleicht einen Bunker hier?" Robbie fing an zu lachen: "Nein! Glauben sie es ist nötig sich in einem Bunker zu verstecken?"
Sie nickte zögerlich und Robbie fand die ganze Situation ungeheuer komisch.
"Beruhigen Sie sich, Praxeda", sagte er grinsend. "Glauben Sie mir, das Gefährlichste hier, sind wir selber!" Bei diesen Worten fing Robbie an zu knurren und tat lachend so, als ob er sie beißen wolle.
"Sitz!", sagte Praxeda im Befehlston, wie zu einem Hund und stimmte quietschend in sein Lachen ein.
Robbie tat, als wäre ein Hund, setzte sich auf seine Hinterbeine, streckte seine Vorderpfötchen hoch, hechelte und fing an zu bellen, bis sie sich beide wieder lachend auf der Erde kringelten. Sie vermieden es einige Momente sich anzusehen, denn jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, brachen sie erneut in Gelächter aus.
"Ich kann sogar zaubern!", sagte Robbie nach einer Weile, krampfhaft bemüht seine zuckenden Gesichtsmuskeln zu beruhigen und ging in die Küche. Praxeda, die immer noch kichernd vor dem Kamin hockte, hörte ihn aus der Küche murmeln. "Hier muss er doch irgendwo sein!" Robbie war dabei, den Abfallkorb zu untersuchen und förderte schließlich den Adventskranz daraus hervor, der lediglich ein bisschen mit Joghurtresten bekleckert war. Er wischte die klebrigen Reste des Joghurts mit einem Küchentuch ab und präsentierte Praxeda stolz seine Beute. Entzündete die Kerzen und blickte sie strahlend an: "Wenn Sie wollen, singe ich Ihnen sogar ein Weihnachtslied." Sie nickte und ihre blitzenden Augen, kamen ihm wie leuchtende Monde vor.
Robbie holte seine Gitarre und die Cognacflasche, schürte das Kaminfeuer, setzte sich nieder und legte sich die Gitarre in den Schoß. "Ihr dahinten, auf den billigen Plätzen, seid still!", rief er lachend in den Raum, daß Praxeda sich verwundert umdrehte und nach den Angesprochenen Ausschau hielt.
Einen Augenblick hatte sie verschreckt ausgesehen, doch als sie den Scherz bemerkte, stimmte sie in sein Gekicher ein.
Robbie streichelte verträumt die Saiten seiner Gitarre und ihm schien, er hätte ihr noch nie zuvor so zarte Töne abverlangt. "Ich glaube ich kenne gar kein Weihnachtslied!", fiel er in sein Gitarrenspiel ein.
"Das macht nichts!", sagte Praxeda lächelnd und lauschte seinem Spiel. "Das klingt, wie Weihnachten und Sylvester zugleich!"
Robbie ahnte, was sie meinte und gab sich selig lächelnd den Klängen hin. Praxeda beobachtete ihn verträumt.

Stockard Darius blickte immer wieder erstaunt zu Shona Fox, die trotz der rüttelnden Fahrt im Schneeschlitten, mit ihrem Laptop auf den Knien und ihrer Science Fiktion Brille auf dem Kopf, dasaß und unbeirrt in die Tasten hackte. Der Schneeschlittenführer hatte sie erst überrascht angeblickt, daß sie zum kleinen Sportflughafen Abendrot wollten, doch da Shona ihn schon vorgewarnt hatte und Darius mit den Scheinen wedelte, ergab er sich seinem Schicksal.
"Geht ja heute zu, wie im Taubenschlag", murmelte der Fahrer vor sich hin, bevor sie einstiegen.
"Was meinen Sie damit?", hatte Shona gleich, mit einem charmanten Lächeln gefragt, doch der Fahrer hatte nur die Schultern gezuckt, das Geld eingesteckt und sich seither hinter beharrlichem Schweigen versteckt.
Darius war froh darüber, daß Shona so vorausschauend geplant hatte, daß im Taxi für sie Winterkleidung bereit lag. Doch auch unter dicken Daunensachen hatte Darius das Gefühl, daß er erbärmlich fror. "Gibt es etwas Neues", fragte er Shona in einer Lautstärke, die das Geräusch des Motors übertönte. Shona nickte und brüllte zurück: "Jede Menge, ich sag Ihnen gleich alles, wenn dieses schreckliche Gerüttel, ein Ende genommen hat!"
Darius blieb nichts weiter übrig, als dem mürrischen Fahrer über die Schulter zu blicken und zu versuchen irgendwelche Anhaltspunkte in dieser Schneehölle zu entdecken. Er war heilfroh, daß Malcolm und Kadda, ausgehungert seine Portionen vom Abendessen verschlungen hatten! Wie es Shona ging, wagte er gar nicht zu fragen. Es schien eine endlose Zeit vergangen zu sein, als der Schneeschlitten endlich langsamer wurde und schließlich vor einem Gebäude, daß Darius eben erst erblickt hatte, stoppte.
"Wir sind da", sagte der Fahrer knapp, wies auf das Gebäude, wartete bis Shona und Darius ihr Gepäck zusammengerafft hatten und ausgestiegen waren und fuhr mit Vollgas wieder davon.
"Komischer Vogel", sagte Darius und fragte sich, was jetzt wohl kommen mochte.
Shona wischte sich ein paar verlorene Haarsträhnen aus dem Gesicht und brachte ein: "Gott sei dank", hervor. "Ich dachte schon, ich werde mein Abendessen wieder los!"
Sie sammelten ihr Gepäck und machten sich, durch das Schneetreiben, auf den Weg zum Gebäude. Eine Tür wurde aufgerissen und ein rotwangiges Kerlchen, in kariertem Hemd, winkte ihnen fröhlich entgegen.
"Da seid ihr ja. Ihr wollt in die Ed'n Siedlung, stimmt's, oder hab ich recht?", sprudelte das Männchen gleich los. "Kommt herein, Leute! Kommt schnell herein!"
Darius und Shona folgten der überschwänglichen Gestalt ins Gebäude, wo sie im nächsten Moment, fast von der Hitze erschlagen wurden. Shona riss sich sofort ihren Parka herunter und Darius spürte, wie das Leben in seine Glieder zurückkehrte.
"Da scheint ja heute `ne Party zu sein!", sprudelte das Männchen weiter und stellte beiden ein Bier hin.
"Wie meinen sie das?", fragte Shona und versuchte es wieder mit ihrem charmanten Lächeln.
"Na, heute Nachmittag kam von da schon `ne pikfeine Lady, die ich dort abhol'n sollte."
"Sind sie bis hoch in die Siedlung geflogen?", fragte Darius verblüfft.
"Ne, ne, Meister, is zu gefährlich, nur bis Morgenröte!"
Darius blickte Shona fragend an.
"Die Schneeschlittenstation", klärte sie ihn auf.
"Geht ja zu heut, wie im Taubenschlag", kicherte das Männchen und schlug sich lachend auf den Schenkel.
"Waren noch mehr Leute da", Shona ging großzügig mit ihrem strahlenden Lächeln um.
"Aber ja, aber ja", kicherte er. "Noch drei Typ'n in Uniform. Große Kerle, sah'n aus wie von 'ner Polente. Wollt'n auch nach Ed'n!"
Shona nickte: "Ja die gehören zu uns."
"Warum seid's dann nich zusamm'n geflog'n?", fragte der Mann, winkte jedoch gleich wieder ab. "Soll mir egal sein, so viele Kund'n hat ich `n ganz'n Winter nich! Is ja wie Weihnacht'n, was ja auch is!"
Shona begann ihr Bier zu trinken, was von dem Männchen mit anerkennendem Blick gezollt wurde.
"Würden Sie bis hoch in die Siedlung fliegen", fragte Darius, bestrebt endlich seinem Ziel näher zu kommen.
"Ne, ne, Meister, is zu gefährlich, nur bis Morgenröte!", wiederholte er grinsend seinen Spruch. "Für alles Geld der Welt nich, würd ich nich versuch'n, bei dem Sturm, da hinzuflieg'n. Is schon schwierig bis da hin zu komm'n. Mensch, man, wo hab ich nur meine Manier'n gelass'n?" Er wischte sich die Hand am Hosenbein ab und reichte Shona grinsend die Hand. "Tinka Crow ist mein Name!"
Shona nahm die dar gebotene Hand: "Shona Fox, sehr erfreut."
Tinka Crow reichte Darius die Hand: "Stockard Darius, sehr erfreut!"
Shona trank einen Schluck Bier und lächelte Tinka Crow wieder hinreißend an: "Wir sind Ihnen schon sehr dankbar, daß Sie uns nach Morgenröte fliegen, bei dem Sturm."
"Is kein Problem Lady, wenn'se `n fest'n Mag'n hab'n", sagte Tinka grinsend und steckte die Hände in die Hosentaschen.
Shona hantierte mit ihrem Laptop und hatte in wenigen Sekunden ein Bild von Vanessa Praxton auf dem Monitor. "Ist sie das?", fragte sie harmlos. Tinka nickte lachend: "Nur hat'se mehr angehabt!"
"Wir zahlen ihnen das Doppelte, wenn sie vergessen, daß wir oder unsere Leute heute hier waren und wenn sie vergessen, daß die pikfeine Lady hier war, legen wir noch was drauf!", Shona blickte Tinka erwartungsvoll an.
Tinka nickte lachend: "Geht klar, Lady! Hab'n se das Henry auch angebot'n?" Shona schüttelte den Kopf.
Darius, der nicht verstand, von wem die Rede war, stellte seine Frage: "Meinen sie den mürrischen Schneeschlittenfahrer?" Tinka nickte wieder: "Dem is grad die Frau weggelauf'n. Is auch kein Wunder, der säuft auch wie'n Loch!"
Shona nickte verständnisvoll und trank den Rest ihres Bieres aus.
"Der kommt nachher wieder, denn sach ich ihm das!", sagte Tinka und blickte Shona freudig an. "Ob'n hab'n die `n paar Verletzte gefund'n, die soll'n noch ins Krankenhaus. Wenn'se heut nich hochwollt'n, hätt ich `se morge'n erst geholt. So kann Henry `se nachher abhol'n."
"Natürlich soll das nicht Henrys Schaden sein", lächelte Shona und bedeutete Darius, Geld auf den Tisch zu legen. Tinka Crow steckte lächelnd das Geld ein und heftete die Scheine für Henry an eine Pinnwand.
"Is ja wie Weihnacht'n, was ja auch is! Ich lass nu euch zwei Hübsch'n allein und guck, ob die Maschine startklar is, dauert nur `n paar Minut'n." Tinka schlüpfte grinsend in eine Jacke, setzte eine Mütze auf und ging pfeifend hinaus in den Schneesturm.
"Woll'n ´se ihr Bier nich, man?", fragte Shona lachend und griff nach der unberührten Flasche Bier, die für Darius auf dem Tisch stand.
Darius schüttelte den Kopf und blickte erstaunt auf Shona, die das Bier herunterschüttete, als wenn es Wasser wäre.
"Ich muss mir Mut antrinken", klärte Shona ihn auf, als sie die leere Flasche absetzte und ganz undamenhaft rülpste. "Und es ist unhöflich, ein angebrochenes Bier stehen zu lassen!" Darius quittierte das mit einem Lachen und Kopfschütteln. Das war eine Seite an Shona, die er gar nicht kannte.
"Nun zu den Fakten!", sagte sie und blickte Darius wie eine Lehrerin an. "Unsere Leute, vermutlich die von'ner Polente", sie konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen: "Haben vorhin Vanessas, oder Lorettas Wagen gefunden. Seither haben sie sich nicht mehr gemeldet." Ihre Stimme nahm einen ernsten Tonfall an: "Gerade hat uns Tinka Crow erzählt, er solle Verletzte bergen." Shona stockte und ihre Hände flogen wieder über die Tastatur ihres Computers. "Der Wagen von Praxeda Empress bewegt sich wieder auf die Landstrasse zu. Das Telefon ist aktiviert, doch niemand geht ran." Sie hackte weiter auf ihre Tastatur ein und ließ die Brille, die sie sich auf den Haarscheitel geschoben hatte, wieder auf ihre Nase gleiten. "Bei Rosenblüte herrscht rege Aktivität und unsere Leute aus London beobachten gerade, wie jemand in Praxeda Empress Wohnung eindringt. Auch bei Loretta Diamond sind die Langfinger am Werk, berichtet unser Mann vor ihrer Wohnung. Wir haben auch jemanden zu Crazy Will geschickt, der hat gerade mit seinem Assistenten das Haus verlassen." Shona schob die Brille wieder in ihren Haaransatz und blickte Darius an. Darius versuchte ihren Blick zu deuten, konnte sich aber keinen Reim daraus machen. "Ich wüsste gerne", sagte Shona und trommelte mit ihren Fingern über die Tischplatte. "Was zum Teufel hier los ist?"
Auch Darius hatte nicht die blasseste Ahnung, wie er aus diesem ganzen Puzzle ein Bild machen sollte. Bevor er Shona antworten konnte, wenn er denn eine Antwort gehabt hätte, kam ein grinsender Tinka Crow durch die Tür geschneit und klatschte freudig in die Hände. "Es kann los geh'n Leute!"
Shona schnappte ihre Jacke und ihre Taschen und hatte es auf einmal eilig nach Eden zu kommen.

Ende der Leseprobe. Das Buch erschien im September 2009 im Schardt Verlag.

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Datum der letzten Änderung: 29.02.2016